Hagen (kh). Vorsichtig zieht Helmut Schnepper das Stuhlflechtrohr durch die Löcher im Holzrahmen des Möbelstücks, erst horizontal und anschließend vertikal. Etwa sieben Stunden später ist aus der defekten Stuhlbespannung eine neue geflochtene Sitzfläche entstanden.
„Mit einer Augenbinde habe ich gelernt, mich nur auf mein Fingerspitzengefühl zu konzentrieren, anstatt alles mit den Augen zu kontrollieren“, erklärt Schnepper, der seit zehn Jahren im LWL-Freilichtmuseum Hagen in einer Werkstatt arbeitet. Gemeinsam mit seinem Kollegen Arif Özen stellt er Bürsten her und flechtet Stühle. Der Handwerker leidet unter einer Sehbehinderung. „Meine Augen stehen quasi im Wettstreit, da braucht es viel Energie, um manche Bilder zu begreifen. Oft ist es dann besser, die Dinge einfach mit den Händen zu fühlen.“
Im LWL-Berufsbildungswerk Soest hat der gelernte Zahntechniker, der seinen Beruf aufgrund seiner Sehbehinderung aufgeben musste, von 1998 bis 2000 Lehrgänge besucht. Hier wurde ihm die Kunst des Bürstenmachens und Stuhlflechtens beigebracht. Diese Tätigkeiten werden seit dem 19. Jahrhundert als Blindenhandwerk bezeichnet. „Bei blinden Menschen wird die Sensibilität der Sinne verlagert. Das Tasten und Hören beispielsweise, ist viel stärker ausgeprägt als bei sehenden Menschen und ermöglicht eine bessere Fingerfertigkeit bei der Arbeit.“
Aus den Lehrgängen heraus entstand beim Berufsbildungswerk die Idee, eine Werkstatt im Freilichtmuseum einzurichten. „Als ich gefragt wurde, ob ich das machen wolle, empfand ich das als glückliche Fügung“, erinnert sich Schnepper. Für ihn sei die gute Zusammenarbeit der beiden Institutionen eine Erfolgsgeschichte.
Von insgesamt 60 Betrieben demonstrieren in Hagen etwa ein Drittel verschiedene Handwerksberufe. Die Besucher seien oft sehr interessiert, wenn sie die Werkstätten betreten. Besonders Großeltern mit ihren Enkeln könne man gut für das Handwerk begeistern. „Ich habe schon Menschen erlebt, die von unseren Produkten aus Naturmaterialien so überzeugt waren, dass sie fast ihren ganzen Haushalt ausgetauscht haben“, erklärt Schnepper zufrieden. Die Nachfrage nach erneuerten Stühlen ist so groß, dass der Handwerker für dieses Jahr keine weiteren Aufträge mehr annehmen kann.
Von Anfang April bis Ende Oktober dauert die Freilichtsaison, in der Helmut Schnepper dutzende Stühle flickt und dabei gerne Fragen beantwortet: „Ich liebe meinen Beruf und freue mich über jeden, dem ich mein Handwerk vermitteln kann.“
Aus: LWL-aktuell, Ausgabe 4/2010, zeitschrift für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL)