Wie schlecht sie sehen kann, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Freundlich und aufgeschlossen blickt Christina Baumann in die Welt und ihrem Gegenüber scheinbar direkt in die Augen. Dabei verfügt die 19-jährige aufgrund einer fortgeschrittenen Retinopathia Pigmentosa lediglich über ein minimales Sehmögen. Ihre Sehschädigung hat Christina aber nicht davon abgehalten, planvoll und motiviert ihre beruflichen Wünsche in die Tat umzusetzen: Seit August 2006 absolviert sie im westfälischen Münster erfolgreich eine „fast normale“ Ausbildung zur Bürokauffrau bei der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe.
Profitiert hat Christina Baumann dabei auch von den Bildungs- und Beratungsangeboten des LWL-Berufsbildungswerks, Förderzentrum für blinde und sehbehinderte Menschen, mit Sitz in Soest. An dieses wandte sie sich gemeinsam mit ihren Eltern, nachdem sie 2005 die Mittlere Reife an der Von-Vincke-Schule (Realschulzweig) in Soest erworben hatte, um sich über ihre beruflichen Möglichkeiten beraten zu lassen. Die für wohnortnahe Ausbildung zuständige Integrationsberaterin, Annette Fecke, erinnert sich: „Im Gespräch und durch ein sich anschließendes Profiling wurde schnell klar, dass Christina Baumanns Wunsch, eine betriebliche kaufmännische Ausbildung in der Nähe ihrer Heimatstadt Steinfurt zu absolvieren, aufgrund ihres Leistungsvermögens und ihrer gut entwickelten sozialen Kompetenzen durchaus realisierbar zu sein schien.“ Allerdings riet Frau Fecke der Bewerberin, zunächst an einem vorbereitenden einjährigen Lehrgang (einer sogenannten „Blindentechnischen Grundausbildung“) teilzunehmen. Dieser sollte sie zum einen in blindenspezifischen Arbeitstechniken (vor allem Computerbraille und Einsatz der Sprachausgabe am PC) fit machen und zum anderen möglichst gezielt auf die Anforderungen einer kaufmännischen Ausbildung vorbereiten. Darüber hinaus bestand in diesem Rahmen die Möglichkeit, Christina Baumann während der Bewerbungsphase auch individuell begleiten und coachen zu können – etwa durch ein gezieltes Bewerbertraining.
Die Blindentechnische Grundausbildung meisterte Christina Baumann mit Bravour: Im Zehnfingertastschreiben und beim Bedienen der Braillezeile und Sprachausgabe des PC erwies sie sich als echtes Talent. Ihre guten Fortschritte ermutigten sie, sich im Raum Münster um eine Ausbildung zur Bürokauffrau zu bemühen. Die Agentur für Arbeit in Rheine sagte schließlich die Finanzierung für die behinderungsspezifische Beratung und Unterstützung während der betrieblichen Berufsausbildung (MobiliS) zu. MobiliS stellt schnell, flexibel und unbürokratisch „vor Ort“ alles zur Verfügung, was für eine erfolgreiche Ausbildung blinder und sehbehinderter Menschen vonnöten ist. Die Angebote reichen dabei vom Bewerbertraining über die Vermittlung einer passgenauen Arbeitsplatzgestaltung bis hin zum Job-Coaching am Ausbildungsplatz und richten sich an Arbeitgeber und Auszubildende gleichermaßen.
Christina Baumanns Entscheidung, sich bei der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe in Münster zu bewerben, erwies sich als eine rundum glückliche. Die junge Frau auszubilden, wurde dort als Möglichkeit aufgefasst, „ganz praktisch und direkt“ etwas für einen behinderten Menschen tun zu können. „Die wollten mich einfach“, erinnert sich Christina in der für sie typischen, unaufgeregten Art. Natürlich hatte die Bewerberin davor persönlich einen mehr als guten Eindruck hinterlassen, hatte den verantwortlichen Ausbildungsleiter bei der Ärzteversorgung, Michael Gans, von ihren Qualifikationen, aber auch „ganz allgemein menschlich“ überzeugt. Auch dass über MobiliS für die gesamte Dauer der Ausbildung jederzeit abrufbare weitreichende Unterstützung bereit gestellt werden kann, wurde von den zuständigen Ausbilderinnen und Ausbildern bei der Ärzteversorgung als willkommene Hilfestellung begrüßt. Denn bei aller Aufgeschlossenheit war ihnen immer auch bewusst, dass sie mit der Ausbildung einer sehgeschädigten jungen Frau Neuland betreten würden.
Mittlerweile ist Christina Baumann längst im Berufsleben angekommen. Aus dem nahegelegenen Steinfurt reist sie täglich selbständig mit Bus und Bahn an. Ebenso souverän wie ihren Langstock beherrscht die junge Frau ihre blindentechnischen Hilfsmittel am Arbeitsplatz, beeindruckt auch hier durch ihre Schnelligkeit beim Handling des PC und gute Schreibtechnik. Ihre Auffassungsgabe wird ebenso wie ihre ruhige und konzentrierte Arbeitsweise gelobt. Sehr zuverlässig sei sie, und selbst der Außenstehende spürt, dass man sie im Ausbildungsbetrieb mag und schätzt. Christina verfügt bei der Ärzteversorgung über optimale räumliche und technische Voraussetzungen sowie genau das richtige Maß an Forderung und Förderung seitens ihrer Ausbilderinnen und Ausbilder – bislang in jeder Abteilung. Eine passgenaue Arbeitsplatzausstattung und die rechtzeitige Organisation aller erforderlichen Hilfsmittel von der richtigen Computer-Braillezeile bis zum Kopfhörer erfolgte unter der Regie von MobiliS. Nochmal Annette Fecke, die vom ersten bis zum letzten Ausbildungstag Ansprechpartnerin für alle an der Ausbildung beteiligten Personen und Institutionen ist: „Gerade Details sind wichtig. Zum Beispiel, dass Christina Baumann für die Sprachausgabe an ihrem PC Kopfhörer nutzt. Ohne die würden die Kollegen, die mit ihr das Büro teilen, nach einem halben Tag vom ständigen Gequassel der elektronischen Stimme völlig entnervt sein.“ Frau Fecke organisiert auch weiterhin den notwendigen technischen Support. Als in der derzeitigen Ausbildungsabteilung klar wurde, dass Christina Baumann für ihre Tätigkeiten dort einen zweiten Bildschirm benötigte, schaltete sie sich ein, um möglichst schnell eine entsprechende Kostenübernahme seitens des Kostenträgers, der Agentur für Arbeit, zu erwirken und die Zeit bis zur Lieferung mit einem Leihgerät zu überbrücken. Im Idealfall schafft es MobiliS, den behinderungsbedingten Mehraufwand im Rahmen der Ausbildung gering zu halten, so dass sich Ausbilder wie Azubis vor allem auf die Inhalte der Ausbildung und auf das „Zwischenmenschliche“ konzentrieren können. Bei Christina Baumann scheint beides hervorragend geklappt zu haben: Ihre Leistungen stimmen, und die junge Frau fühlt sich in ihrem Ausbildungsbetrieb mehr als wohl.
Dass sie ihrer Berufsschulpflicht nicht an einer „Regel“-Berufsschule in Münster, sondern am LWL-Berufskolleg in Soest, einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Sehen, nachkommt, ist ein – freiwilliges – Zugeständnis an ihre Behinderung. Christina Baumann lernt hier gemeinsam mit anderen blinden und sehbehinderten Berufsschülerinnen und -schülern unter optimalen, weil behinderungsgerechten Bedingungen. Diese ermöglichen ihr, sich uneingeschränkt auf den Unterrichtsstoff konzentrieren zu können.
Bereits 1999 hat die Agentur für Arbeit in ihrem Lernortekonzept für behinderte Menschen eine Ausbildung eingefordert, die dem Grundsatz folgen soll: „so normal wie möglich, so besonders wie erforderlich“. Für Christina Baumanns ist dieser Anspruch zur Realität geworden – eine Realität, die sowohl die junge Frau als auch ihren Ausbildungsbetrieb und nicht zuletzt die verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim LWL-Berufsbildungswerk mit berechtigtem Stolz und viel Freude erfüllt.