„Ich bin nicht blind, ich kann nur schlecht gucken“
Auf dem Parkplatz steht eine Kuh. Eine Kuh auf Rollschuhen. Natürlich nur gemalt, als Werbegag auf einem Kühllastwagen, der Lebensmittel im Bildungszentrum der AOK Westfalen-Lippe anliefert. Sabrina Andrzejak, die junge Mitarbeiterin in der Großküche, die ihre Ausbildung als Hauswirtschafterin im LWL-Berufsbildungswerk Soest, dem Förderzentrum für blinde und sehbehinderte Menschen, erfolgreich abgeschlossen hat, würde den LKW sehen. Die bunte Kuh hätte sie wahrscheinlich nicht erkannt. Sabrina Andrzejak ist sehbehindert.
Beim Gang über den Parkplatz fällt auf, wie grün und bewaldet der Süden der Stadt Dortmund ist. Fünf Minuten von der Autobahn, die ins Herz des Ruhrgebietes führt, ist hier der Blick in die Ferne nur von Bäumen, nicht von Fördertürmen verstellt. Ein schöner Platz zum Arbeiten.
In der Großküche ist von dieser stillen Beschaulichkeit um diese Uhrzeit keine Spur. Hier ist jetzt, kurz vor Mittag, Hochbetrieb. Durch das Büro von Frau Mraz, der Teamleiterin des Wirtschaftsbereiches weht der Duft von Mittagessen. In der Großküche haben die Mitarbeiterinnen des Küchenteams seit heute morgen um 6.30 Uhr frische, vielseitige Speisen und gesunde Salate zubereitet, Kaffee und Tee gekocht, das Frühstücksbüfett und die Müsli-Bar bestückt und wieder abgeräumt und den Gästeservice und die Spülmaschine in Schwung gehalten. „Wir kochen hier jeden Tag die Mahlzeiten für rund 150 Hausgäste. Und alles ist frisch und selbstgemacht, hier gibt’s kein Dosenessen“, sagt Frau Mraz. „Das klappt natürlich nur in einem guten Team, in dem jeder bereit ist, mit anzupacken. Dazu ist eine gute Ausbildung unbedingt erforderlich. Deshalb finde ich es toll, dass es Einrichtungen wie die in Soest gibt, wo junge Leute trotz einer Sehbehinderung als Hauswirtschafterin ausgebildet werden.“
Wenn an der Ausgabetheke der Ansturm der Gäste aus den verschiedenen Häusern der AOK Westfalen-Lippe beginnt, die hungrig aus ihren Unterrichts- und Seminarräumen in den großen Speiseraum strömen, müssen alle auf ihren Posten sein. Sabrina Andrzejak, die junge Kollegin mit der Sehbehinderung, ist heute für den Kaffeeschalter und den Frühstückdienst zuständig. Anschließend bedient sie die Spülmaschine. „Da gab es am Anfang ein paar Probleme, weil ich Flecken auf dem Besteck nicht richtig erkannt habe, wenn es schnell gehen musste.“ Inzwischen sitzen die Handgriffe aber so gut, dass auch Frau Mraz mit der Qualität und der Hygiene rundum zufrieden ist. „Sie gibt sich wirklich große Mühe, selbst wenn sie aufgrund ihrer Sehbehinderung gelegentlich an Grenzen kommt. Aber das wussten wir ja vorher, dass sie diese Behinderung hat und wir haben viele Möglichkeiten zu helfen und zusammen das Problem zu lösen.“
Unterstützung war in den ersten Wochen am Kaffeeschalter durchaus notwendig. Beim Befüllen der weißen Kannen mit Teewasser könnte Sabrina Andrzejak nicht erkennen, wann die Kanne voll war. „Ist die blind?“, fragten die jungen Gäste unverblümt, die sich am überlaufenden heißen Wasser die Finger verbrannten. „Nein, blind bin ich nicht, aber ich kann ein bisschen schlecht gucken“, hat sie darauf erwidert. Während der Schulzeit, der Ausbildung, in der Familie und im Freundeskreis hat Sabrina Andrzejak gelernt, mit ihrer Behinderung umzugehen. Sie lässt sich durch Kommentare und „dumme Sprüche“ kaum noch aus der Ruhe bringen.
Für das Problem mit den überlaufenden Teekännchen war schnell eine Lösung gefunden. „Beim Befüllen ganz leicht schräg halten, dann kann man fühlen, wenn das Wasser gegen den oberen Rand fließt“, sagt Frau Mraz. Die Hauswirtschaftsleiterin, die seit 28 Jahre hier die Küchenleitung hat, arbeitete in der Schweiz mit gehörlosen Menschen zusammen. „Die hatten auch so manchen Trick drauf. Da habe ich mich im Falle von Frau Andrzejak einfach gefragt, wie geht’s besser, wie sieht eine Sehbehinderte. Sehr positiv ist, dass sie sich sofort meldet, wenn es Fragen oder Probleme gibt, denn dann können wir auch Lösungen finden.“
Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen ist offensichtlich überhaupt kein Problem für die Berufsstarterin, die nach der Ausbildung einige vergebliche Bewerbungen geschrieben hat und dann durch den Kontakt zur Landwirtschaftskammer die Stelle im Bildungszentrum bekam. „Die unterstützen mich und helfen mir“, sagt Sabrina und grinst: „Ich bin hier das Küken“.
Hilfe und Unterstützung ist für die junge sehbehinderte Hauswirtschafterin nicht nur zwischen Kipppfanne, Kombidämpfer, Friteuse, Kaffeeautomat und Spülmaschine kaum noch nötig. Diese Geräte beherrscht sie inzwischen fast mühelos.
Die günstige Lage des Bildungszentrums an der Autobahn im südlichen Dortmunder Stadtteil Reismark ist ein Pluspunkt - für automobile Menschen. Für jemanden wie Sabrina Andrzejak, die keinen Führerschein machen darf und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, kann diese abgeschiedene Lage schnell zum Problem werden. Obwohl die junge Frau im gesamten Ruhrgebiet völlig eigenständig und problemlos Busse und Bahnen benutzen kann, wird ihrer Mobilität durch Fahrpläne und Liniennetze eine deutliche Grenze gesetzt. Besonders am Wochenende ist das pünktliche Erreichen des Arbeitsplatzes ohne fremde Hilfe nicht möglich. „Deshalb holen mich meine Kolleginnen jetzt immer an einer S- oder U-Bahn-Haltestelle ab. Das klappt auch total gut. Wenn die eine gerade Urlaub hat, kommt die andere“, meint Sabrina und ergänzt: „Wenn das alles auch nicht geht, fährt auch schon mal das „Papa-Taxi“. „Und als die Lokführer gestreikt haben, musste mich mein Bruder ein paar Mal zur Arbeit fahren.“
Im Bildungszentrum der AOK in Dortmund ist man sich völlig einig: Im Berufsalltag ist die Sehbehinderung des „Kükens“ mittlerweile kein Thema mehr. Manchmal gibt es vielleicht die ein oder andere kleinere Hürde zu meistern. „Sabrina Andrzejak ist teamfähig, lernt schnell und leistet hier eine gute Arbeit“, erläutert Frau Mraz. „Ich würde mich freuen, wenn der Zeitvertrag, der Ende des Jahres ausläuft, unbefristet weitergeführt würde. Dann hat Frau Andrzejak auch alle Jahreszeiten und die verschiedenen saisonabhängigen Menüs mal mitgekocht und hat über alles einen guten Überblick bekommen. Auch mit Sehbehinderung.“
Frau Andrzejak nickt: „In der Ausbildung im LWL-Berufsbildungswerk Soest habe ich viel gelernt, was ich jetzt anwenden kann. Die Ausbildung hat sich gelohnt und die Arbeit hier in den verschiedenen Stationen der Großküche macht mir riesigen Spaß.“
Das sagt sie, nachdem sie heute morgen um vier (!) Uhr aufgestanden ist, damit sie nach zweimaligem Umsteigen pünktlich zur Abholung durch die Schichtleiterin am Bahnhof stehen konnte. „Kein Problem, ich muss nur abends früh genug ins Bett gehen. Wenn ich in der Küche stehe, bin ich lange genug auf, um richtig wach zu sein."
Ein Gong tönt durch die Küche, in der es inzwischen still geworden ist. Die Küchenmannschaft hat jetzt Pause. Die Damen sitzen in der Sonne vor der Küche und genießen die letzten ruhigen Minuten vor der Mittagessenausgabe. Sabrina Andrzejak sitzt mitten zwischen den anderen. Dass sie die bunte Kuh mit Rollschuhen auf dem Kühlwagen an der Warenannahme der Großküche nicht gesehen hätte, spielt hier für niemanden eine Rolle.