Ein ungewohnter Geruch entsteigt dem Ofen, aus dem Isabella Witt ein braunes Paket entnimmt, es auf ihren Unterarmen durch den Flur trägt und dann damit hinter einer Tür verschwindet. „Was war das denn?“, frage ich, als meine Gesprächspartnerin wieder zu ihrem Schreibtisch zurückkehrt. „Eine Fangopackung“, antwortet die junge Frau, „die habe ich heute morgen erhitzt bis sie flüssig war und dann auf ein Blech gegossen. Jetzt habe ich die heiße Packung, die aus Heilerde besteht, zu dem Patienten in die Kabine gebracht und ihn anschließend zusammen mit der Fangopackung in Leinentücher eingepackt“.
Die Tätigkeit, die Frau Witt hier beschreibt, ist nicht besonders typisch für eine Kauffrau für Bürokommunikation. Diesen Beruf hat die junge, sehbehinderte Frau nämlich ursprünglich im LWL-Berufsbildungswerk Soest erlernt. „Natürlich habe ich hier auch ganz viel am Schreibtisch zu tun, ich organisiere die Zeitpläne für die Therapeuten, erarbeite die Raumbelegung, weise junge und ältere Patienten und Kollegen in die richtigen Therapieräume ein, stelle Terminzettel und Geschenkgutscheine aus und prüfe die Heilmittel-Verordnungen“, erzählt sie begeistert von ihrem beruflichen Alltag, bei dem offensichtlich keine Langeweile aufkommt.
Inzwischen hat mehrfach das Telefon geklingelt. Patienten rufen an, um neue Termine zu vereinbaren oder vereinbarte abzusagen. „Es ist leider nicht immer zu ändern, dass durch Terminverschiebungen Lücken entstehen“, weiß auch Lydia Kumpe, die Praxisinhaberin und Chefin von Isabella Witt. Währenddessen hat Frau Witt kurzerhand einen Therapieraum, eine sogenannte Kabine, aufgeräumt und neue Handtücher hinein gelegt.
Kaum sitzt sie wieder an ihrem offenen, zentral platzierten Arbeitsplatz, Kommunikationszentrale und Herzstück der Praxis zugleich, als ein Therapeut zur Theke kommt. Kurz wird ein kleiner Scherz gemacht und dann die Frage zu einem Hausbesuch geklärt. Und schon meldet der Türgong den nächsten Besucher an. „Die Dame spricht kein Deutsch“, erklärt mir Frau Witt auf meine Frage, warum sie der Patientin zu jedem Satz auch noch ein erklärendes Zeichen gibt.
In der kurzen Zeit meines Besuches sind inzwischen etliche Patienten und Therapeuten zum Infoplatz von Isabella Witt gekommen. Sie haben Fragen gestellt, haben Wünsche geäußert, sind hinter Türen verschwunden. Ein buntes Treiben, von dem sich die junge Kauffrau nicht aus der Ruhe bringen lässt: Sie bleibt freundlich, verbindlich, spricht jeden Patienten nett an, kennt die Sorgen und Probleme der Einzelnen und geht auf jedes Anliegen kurz ein.
„Privat kann ich auch schon mal ungeduldig werden, aber hier in der Praxis reagiere ich ausgeglichen und ruhig, egal was kommt“. Die Chefin nickt: „Frau Witt bringt so schnell nichts aus der Ruhe! Im Gegenteil, sie schickt unser Team und mich ständig von einem Raum in den nächsten. Frau Witt hält uns alle auf Trab“, sagt Frau Kumpe, grinst und eilt davon
Dass Isabella Witt mit ihrer Sehbehinderung von ihren Kolleginnen und Kollegen hier so gut aufgenommen wurde, liegt nicht zuletzt an ihrer Chefin, die ebenfalls sehbehindert ist. „Frau Kumpe hat sehr viel Mitgefühl für meine Situation und versteht, wenn Dinge am Anfang etwas länger dauern, als bei anderen Kollegen“.
Der interessante Arbeitsplatz ist der engagierten jungen Frau vor zwei Jahren von Frau Kumpe angeboten worden, als die versierte Kauffrau ihre Ausbildung im LWL-Berufsbildungswerk Soest erfolgreich beendet hatte. Kennen und schätzen gelernt hatte man sich bei einem Praktikum, dass Isabella Witt im Rahmen ihrer Ausbildung in der Praxis Kumpe absolvierte.
Alles hier hat von Anfang an gut gepasst“, sagt Frau Witt und ergänzt, „jetzt soll ich sogar noch einen neuen Aufgabenbereich übernehmen“. Sie soll die Heilmittel-Verordnungen abrechnen, die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften prüfen und die Daten in den Rechner eingeben. Schwierigkeiten dabei könnten die kleinen und die handschriftlichen Einträge bereiten. Aber auch davon lässt sich Frau Witt nicht entmutigen. „Ich habe ja eine gute Arbeitsplatzausstattung, die mir wirklich weiterhilft“, sagt sie.
Schreiben Sie das bitte auch ruhig in Ihren Artikel, dass mir die Agentur für Arbeit und das Integrationsamt aus Münster geholfen haben. Schließlich habe ich neben dem Bildschirmlesegerät auch noch eine tolle Arbeitsplatzleuchte und einen Schreibtischstuhl für meinen Rücken bekommen“.
Die erlernten Inhalte aus der kaufmännischen Ausbildung im LWL-Berufsbildungswerk Soest setzt Frau Witt an ihrem Arbeitsplatz täglich um. Sie erzählt, dass ihr vor allem das Wissen aus dem Bereich Büroorganisation hilft, die beruflichen Herausforderungen zu meistern. Aber auch die Kenntnisse zur Norm für Geschäftsbriefe, die sie als Lehrfach in der Ausbildung wenig geliebt hat, helfen ihr jetzt immer wieder. „Eine gute Ausbildung, Interesse am Beruf und verständnisvolle Vorgesetzte und Kollegen sind die Bestandteile, damit eine Tätigkeit jeden Tag Spaß macht. Und natürlich das Glück, eine solche Arbeitsstelle auch zu finden“, meint Isabella Witt. „Man darf sich nicht entmutigen lassen, auch wenn mal was nicht auf Anhieb klappt“, sagt sie weiter.
Und während im Ofen die Fangopackungen dampfen, klingelt das Telefon, der Türgong läutet, ein Therapeut begrüßt seinen nächsten Patienten und Frau Witt sitzt hinter der Theke in ihres zentralen Arbeitsplatzes und dirigiert das bunte Treiben.