„Viele Menschen kennen uns schon, wenn wir auf den Straßen und Plätzen in Soest unterwegs sind“. Jürgen Tiemann begleitet als so genannter Mobilitätstrainer seine Lernpartner – und das stets im Abstand von zwei bis drei Metern. Vor ihm ist Sandra unterwegs. Die junge Frau ist blind, Folge eines schweren, unheilbaren Augenleidens, das im Laufe einiger Jahre zum totalen Verlust des Augenlichts führt. Routiniert geht Sandra mit dem weißen Langstock um. Sie tastet mit dem Hilfsmittel den Weg ab vom Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte am Hattroper Weg bis zur nächsten Fußgängerampel. Am Ampelmasten bleibt sie stehen, drückt auf den Signalknopf, wartet auf das Hörzeichen für „Grün“ und setzt sich in Bewegung, um die Straße zu überqueren. Tiemann folgt ihr in einem Abstand, der auch noch das miteinander Sprechen möglich macht. Die beiden setzen ihren Weg fort in Richtung Innenstadt.
„Als Mobilitätstrainer befähigen wir junge blinde oder sehbehinderte Menschen, so weit als möglich am Straßenverkehr teilzunehmen“, erklärt der Pädagoge. „Ein Geburtsblinder kennt die Welt nicht aus eigener Anschauung, muss alles erkunden. Jemand, der z.B. durch eine Krankheit sein Augenlicht verloren hat, besitzt ein visuelles Gedächtnis aus den Jahren vor der Erblindung. Darauf kann diese Person dann aufbauen, das verliert man nicht mehr“; erläutert Tiemann Unterschiede. Blinde wie Sandra, die in jungen Jahren sehen konnten, müssen daher nicht mehr das Essen mit Messer und Gabel erlernen. Für jemanden, der von Geburt an blind ist, ist gerade das Erlernen dieser Kulturtechnik langwierig.
Dem weißen Langstock kommt im Leben von Blinden und Sehbehinderten eine entscheidende Bedeutung zu. Er hat Signalfunktion, Sicherungsfunktion und Tastfunktion. Dieses Hilfsmittel ist die Voraussetzung für die Teilnahme am Straßenverkehr. Dann gilt es, das Gehörte und Erlernte in der Welt draußen zu kontrollieren und zu üben. Drei Mobilitätstrainer kümmern sich beim Soester Berufsbildungswerk um diese Aufgabe. Und eines ist für fast alle Lern- und Trainingspartner höchst unangenehm – Passanten um Hilfe zu bitten. Manchmal lässt es sich aber dennoch nicht vermeiden. Wenn Sandra am Hansaplatz beispielsweise wissen muss, ob der Bus, in den sie gerade einsteigt, auch zu ihrem Zielort fährt.
„Die meisten Menschen helfen mir auch, geben eine freundliche Antwort“, hat die junge Frau die Erfahrung gemacht. Wer nichts hören will, der geht achtlos an ihr vorbei, macht gar noch eine abfällige Bemerkung. „Der Stock ist dabei sehr wichtig. Dann wissen die Leute, warum sie um Hilfe angesprochen werden“, bestätigt Reha-Lehrer Tiemann. Mohammed muss den praktischen Umgang mit dem weißen Langstock noch trainieren. Der junge Mann leidet an einer unheilbaren Augenkrankheit, in deren Verlauf er fast völlig erblinden wird. Für ihn ist es wichtig, so viel wie möglich die verbliebenen Sinne Gehör und Gefühl zu schulen. „So hat er eine gute Chance, seinen Wahrnehmung anzupassen, wenn er die Zeit dazu hat“, erläutert der Mobilitätstrainer. Das ist bei Unfallopfern anders. Die müssen von einen Tag zum anderen ohne Augenlicht leben – haben keine Zeit, andere Sinne für die eigenen Orientierung zu trainieren. Überhaupt gilt der Grundsatz, wir leben in der gleichen Welt, sprechen die gleiche Sprache. Wenn das Augenlicht wegfällt, eignet sich derjenige oder diejenige etwas auf seine eigen Art an.
An größeren Straßenkreuzungen mit Ampelschaltungen, Fuß- und Radwegen, gilt es, grundsätzliche Verbindungen herzustellen zwischen den Geräuschen, den Richtungen, dem eigenen Standort. Das Bewusstsein dafür, dass es nicht nur eine, sondern zwei Straßenseiten gibt, muss ein Geburtsblinder erst entwickeln. Masten und Laternen sind wichtige Fixpunkte für Sandra, wenn sie sich an einer Kreuzung zurechtfinden muss. Was sie nicht sehen kann, muss sie anfassen, mit dem weißen Langstock ertasten. Neben ihrem guten Gehör kommt ihr dabei ein ausgeprägtes Gespür für den jeweiligen Untergrund zugute.
„Damit ich mir auch vorstellen kann, mit welchen Schwierigkeiten meine Lernpartner fertig werden müssen, habe ich schon viele Stunden selber als Sehender mit Augenbinde Situationen im Straßenverkehr trainiert“, berichtet Tiemann. Richtig sauer werden kann der Mobilitätstrainer, wenn sich andere Straßenverkehrsteilnehmer nicht an das Rechts-Fahrgebot halten. „Unsere Lernpartner gehen vom Rechts-Fahrgebot aus. Aber was sollen sie tun, wenn ihnen auf einem kombinierten Geh- und Radweg ein „Falschfahrer“ entgegen kommt, der dann auch noch nicht mal ausweicht“!?
Am 15. Oktober ist der Tag des weißen Stocks, der seit über 30 Jahren traditionell an diesem Datum stattfindet. Am Tag des weißen Stocks wird weltweit auf die Belange Blinder für ein selbstständiges Leben in unserer Gesellschaft hingewiesen.