Depression

Experteninterview

Interview mit Dr. Josef Leßmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein.

Volkskrankheit Depression - Es kann jeden treffen.

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Depression. Sie ist damit eine der verbreitetsten seelischen Erkrankungen überhaupt. Dennoch nimmt sie in der gesellschaftlichen Diskussion immer noch eine eher untergeordnete Rolle ein. Erst die Betroffenheit über erkrankte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wie Nationaltorwart Robert Enke, haben das Tabu-Thema Depression wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Herr Dr. Leßmann, ist die Depression wirklich eine ''Volkskrankheit''?

Es kann prinzipiell jeden treffen. Im Laufe des Lebens erkranken durchschnittlich rund zehn Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen an einer Depression. Zunehmend sind depressive Störungen der Grund für vermehrte Krankheitsausfallzeiten am Arbeitsplatz und für vorzeitige Berentungen.

Woran erkennen Laien eine Depression, gar eine Suizidgefahr?

Die Betroffenen ziehen sich zunehmend zurück, werden stiller, nachdenklicher, reagieren weniger prompt und zielgerichtet auf Ansprache. Aber: Man guckt ihnen nur vor den Kopf; wie’s innen aussieht und was da abläuft, bleibt meist unkalkulierbar.

Warum wird sie verdrängt? Was sind Ihre Erfahrungen?

Vielfach schämen sich die Betroffenen, nicht mehr zu funktionieren, den Lebensanforderungen nicht mehr gerecht werden zu können, und wollen nicht als Verlierer abgestempelt werden. Allgemein in der Gesellschaft gelten ja Jugend, fit sein und Leistungsfähigkeit als hohe Ansprüche und Ideale, denen alle gern gerecht werden wollen. Es gibt aber immer mehr Menschen, die dem nicht standhalten, was sie aber sich selbst und ihrer Umgebung nicht gerne eingestehen.

Ist eine Depression angeboren oder erworben?

Es gibt keine klassisch vererbbare Depression. Wohl aber kann diese Krankheit in einer Familie vermehrt auftreten. Die Mediziner sprechen da von einer familiären Disposition, von einer Veranlagung. In den allermeisten Fällen gibt es aber in der Lebensgeschichte der Betroffenen Ereignisse oder Verletzungen, die nicht gleich von der betroffenen Person verarbeitet werden können, chronisch innerlich weiterbrodeln - so kann es auf diesem Wege zu einer Depression kommen.

Gibt es einen ''typischen'' Gefährdeten? Sind ''Promis'' besonders anfällig?

Es gibt Menschen, die haben ''von Natur aus'' eine gedrückte oder depressive Persönlichkeitsstruktur, verarbeiten Anforderungen oder Kränkungen nicht so leicht wie viele andere, beziehen viele Dinge negativ auf sich selbst und leiden darunter. Solche Menschen sind natürlich besonders gefährdet, eine Depression von Krankheitswert zu entwickeln. Prominente stehen häufig im Stress, unter Druck, und sind immer der Öffentlichkeit ausgesetzt. Nicht alle von ihnen verkraften dies auf Dauer gut. Und je weniger offen sie mit sich, ihren Problemen und Anfeindungen umgehen, desto eher kommt es dazu, dass sie ''die Probleme in sich hineinfressen'', damit nicht fertig werden und dieses sie krank macht. Das Erbringen von Leistung und Sport hat aber eigentlich zunächst einmal einen anti-depressiven Charakter. Aber auf Dauer kann das ständige Gefordertsein in der Öffentlichkeit auch zu großen inneren, psychischen Problemen führen.

Was muss nach Ihrer Ansicht gegen das Tabuisieren der Depression getan werden?

Angehörige, Hausarzt, Psychologen oder auch Nervenärzte sollten Menschen, die zu verstehen geben, dass sie Probleme haben, ganz offen darauf ansprechen, ob sie sich depressiv fühlen oder sogar eventuell Gedanken haben, sich das Leben zu nehmen. Je klarer diese Themen auf den Punkt gebracht werden, desto leichter fällt es den Betroffenen, darüber zu reden. Häufig sind solche Anstöße von außen dann der ''Dammbruch'', dass die Patienten eine Erleichterung und Entlastung erfahren können. Genau vor diesem Hintergrund bieten wir zum Beispiel in unseren Kliniken und Tageskliniken Lippstadt und Warstein auch spezielle regelmäßige Angehörigengruppen von depressiv erkrankten Menschen an. Diese werden auch gerne und gut angenommen.