LWL-Tageskliniken
Lebensbeispiel: ''Wo Senioren zur Arbeit gehen''
Münster (LWL). Die 74-jährige Marlies Neu (Namen geändert, Red.) geht seit fünf Wochen wieder arbeiten. Am Ende ihres Acht-Stunden-Tages hat sie zwar keinen Cent verdient, aber auf dem Rückweg zu ihrer Wohnung und ihrem Mann ist sie meistens ganz gut gelaunt. Jedenfalls viel besser als in der langen Leidenszeit zuvor. "Ich gehe jetzt arbeiten!" Pünktlich um 7.40 Uhr jeden Werktag verabschiedet sich Marlies Neu an diesem Montagmorgen von ihrem Mann, steigt ins Taxi. Zu der Seniorentagesklinik der LWL-Klinik Münster nahe dem münsterschen Nordpark ist es nicht allzu weit. Acht Uhr, der "Arbeitstag" beginnt für derzeit neun Senioren und drei von insgesamt sechs Mitarbeitern der Seniorentagesklinik. Zuerst mit einem gemeinsamen Frühstück, dem Duft von frischen Brötchen und Kaffee. In dem modern möblierten Aufenthaltsraum sitzt die Gruppe an runden Tischen. Zum Gesprächskreis in der Stuhlrunde werden Marlies, Oskar und die anderen Senioren von Stationsleiterin und einer Altenpflegerin begrüßt. Sie stellen die Montags-Fragen: "Wie war das Wochenende? Wie haben Sie sich gefühlt und was haben Sie erlebt?" Der Reihe nach antworten alle. Oskar erzählt, dass er es trotz bester Vorsätze und intensiver Vorbereitungsgespräche in der LWL-Tagesklinik am vergangenen Samstag nicht geschafft habe, seiner Frau einen Geburtstagsblumenstrauß zu kaufen. Seit Monaten geht er kaum mehr aus dem Haus, auch diesmal hat er wieder seinen Sohn zum Einkaufen geschickt. Renate Frei, die sich ebenfalls monatelang isoliert und dabei Alkohol en masse konsumiert hat, war dagegen am Wochenende auf dem Markt und viel spazieren. Das sei sehr schön gewesen, sagt sie. Ältere Menschen ab etwa 60 Jahre, die wie Renate, Oskar oder Marlies für einige Wochen oder Monate eine Seniorentagesklinik des LWL besuchen, haben unterschiedliche seelische (alterspsychiatrische) Erkrankungen. Dazu gehören Depressionen, Angststörungen, Psychose- und Wahnerkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen. Aber auch Menschen in tiefgreifenden persönlichen Krisensituationen und Patienten mit Demenzerkrankungen (vorzeitiger geistiger Leistungsabbau, z.B. durch die Alzheimer-Erkrankung) werden hier therapeutisch von einem multiprofessionellen Team behandelt. Marlies Neu ist froh, dass es diese ambulante Betreuungsmöglichkeit in ihrer Wohnortnähe gibt. Sie kommt jeden Tag gerne. "Zuhause ist es doch viel eintöniger", sagt sie.
