Das Foto zeigt eine männliche Person.

Medizinische Rehabilitation für psychisch kranke Menschen

Lebensbeispiel

"Ich war wie in einem Schwebezustand, war unschlüssig und depressiv"

Wenn sich Ralph an die Zeit vor seinem rund einjährigen Aufenthalt im Hans Peter Kitzig Institut, dem LWL-Institut für Rehabilitation psychisch kranker Menschen in Gütersloh erinnert, spricht er von zwei ganz unterschiedlichen Lebensphasen. Das Studium des Chemie-Ingenieurwesens zog der heute 35-Jährige zügig in fünf Jahren durch, das Studentenleben in Krefeld beschreibt er als stressfrei mit viel Freiraum: "Nach dem Studium fing die Krise an. Ich sah mich genötigt, einen Job anzunehmen, der für mich zu viel Verantwortung als Chemie-Ingenieur verlangte", erzählt der ruhige, nachdenklich wirkende Mann im Juni 2001 kurz vor Ende der Rehabilitation im Hans Peter Kitzig Institut des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Der Schwebezustand, den er mit Aushilfstätigkeiten zu verdrängen versuchte, ging über in Depressionen. Irgendwann sah Ralph nur noch einen Ausweg: den Weg in eine psychiatrische Klinik. "Die Krise hatte sich im September 1999 noch weiter verstärkt. Mir wurde klar, ich bin auf Hilfe angewiesen", sagt der 35-Jährige, der an einer Persönlichkeitsstörung leidet. Nach stationärer Behandlung und Betreuung in einer LWL-Tagesklinik folgte eine medizinische Rehabilitation, die den gebürtigen Lünener im April 2000 ins Hans Peter Kitzig Institut nach Gütersloh führte.

"Wir erarbeiten gemeinsam mit den psychisch kranken Menschen eine neue Lebensperspektive. Dazu tragen die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden auch selbstständig bei - etwa durch Praktika in Unternehmen oder durch die Organisation des Alltags", erläutert Hans-Heiner Schmitz, Therapeutischer Leiter des Hans Peter Kitzig Instituts in Gütersloh, die Arbeitsziele. Das zehnköpfige Team betreut insgesamt 24 Menschen mit Psychosen, Neurosen oder Persönlichkeitsstörungen. Entscheidender Unterschied zu psychiatrischen Kliniken ist, dass im Hans Peter Kitzig Institut keine akuten Erkrankungen behandelt werden, sondern die Betroffenen - meist im Anschluss an eine medizinische Betreuung - mit einer Rehabilitation langsam auf ein eigenständiges Leben vorbereitet werden sollen. Auf diese Weise ist das Institut Teil des LWL-PsychiatrieVerbundes Westfalen, der entsprechend dem Krankheitsbild oder dem Therapiestand eines Menschen verschiedene Angebote in Krankenhäusern, Tageskliniken, Pflegeheimen, Institutsambulanzen bereithält.

Das Foto zeigt zwei Personen im Gespräch.

Nach der Arbeit in Betrieben am Vormittag sind für die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden nachmittags die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit verschiedenen Angeboten da: vom Selbstsicherheitstraining über Einzel- und Gruppengespräche bis hin zu Informationen über die einzelnen Krankheitsbilder und den persönlichen Umgang damit. Der Alltag mit Einkaufen, Kochen und Putzen obliegt den achtköpfigen Wohngruppen selbst. Auch hier lernen die psychisch kranken Menschen, ihr Leben wieder eigenverantwortlich zu führen. Die neue Lebensstrategie, die sich Ralph im Hans Peter Kitzig Institut erarbeitet hat, beschreibt er kurz und bündig: "Ich habe mehr Gespür dafür, was ich will, und ich habe die Bereitschaft, es auch zu tun." Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin war nach den Worten seines Betreuers Jochen Venker die Auseinandersetzung mit den beruflichen Wurzeln: "Bei einem Praktikum in einem Chemiebetrieb war nach wenigen Wochen klar, das ist es nicht", beschreibt er den Erkenntnisprozess des 35-Jährigen, der hinzufügt: "Das mit dem Studium habe ich mittlerweile abgehakt, das war eine schöne Zeit, die aber leider zu nichts geführt hat."

Das Foto zeigt eine männliche Person beim Radfahren.

So nüchtern der junge Mann seine Erkenntnis beschreibt, ist ihm doch anzumerken, dass der Weg dorthin nicht leicht war. Neuen Mut hat Ralph bei einem Praktikum in einem Gartenbaubetrieb bekommen. "Da sieht man abends, was man geschafft hat", erzählt er über die Arbeit, die er nun mit einer zweijährigen Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer fortsetzen wird. Aber auch über das neue Leben nach der Rehabilitation spricht er zwiespältig - er berichtet von Gespanntheit auf die neuen Aufgaben, aber auch von Zweifeln, mit den Veränderungen klarzukommen. Damit das, was Sozialarbeiter Jochen Venker als "das Loch nach einem stationären Aufenthalt" beschreibt, nicht gleich zu einer neuen Krise führt, wird Ralph mit seinem Betreuer - zunächst einmal wöchentlich - weiter Gespräche führen und sozusagen ausbildungsbegleitend unterstützt werden. Bei der überwiegenden Zahl der Rehabilitandinnen und Rehabilitanden wird die Wiedereingliederung in Gesellschaft und Beruf von Institutsambulanzen, niedergelassenen Nervenärzten, Sozialpsychiatrischen Diensten und Einrichtungen des Betreuten Wohnens übernommen.