LWL-Wohnverbund Lippstadt

Betreuungsphilosophie

1. Menschenbild und Verständnis von Behinderung und Entwicklung

Jeder Mensch ist eine körperlich –seelisch-geistige Einheit und unabhängig von Grad und Schwere einer Behinderung oder vom Lebensalter grundsätzlich auf Lernen und Entwicklung ausgerichtet. Auf der Grundlage seines physiologischen Seins und sei-ner kulturellen und sozialen Prägung verfügt jeder Mensch über Individualität und Einmaligkeit.

Menschen mit einer Behinderung brauchen im besonderen Maße den Schutz durch Staat und Gesellschaft. Ihnen müssen differenzierte auf die individuelle Lebenssitua-tion abgestimmte Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten für die Planung und Gestal-tung ihres Lebens angeboten werden, damit sie, soweit wie möglich, unbehindert leben, lernen, wohnen und arbeiten können.

Aufgabe der Wohnverbundeinrichtungen des LWL ist es, Menschen mit einer geisti-gen Behinderung, einer psychischen Erkrankung, oder einer Suchterkrankung indivi-duelle, an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer orientierte Hilfeangebote im Rahmen der Eingliederungshilfe zu machen.
2. Leitideen und Handlungsgrundsätze

Auf der Grundlage des BSHG, dem SGB IX, den Zielvorstellungen des Landes Nord-rhein-Westfalen und der Leitlinien der sozialen Rehabilitation, orientiert sich die fach-liche Arbeit in den Wohnverbünden an folgenden Leitgedanken:

•    NORMALISIERUNG

Normalisierung setzt den Maßstab für das Alltagshandeln in den Wohnverbünden. Die Bewohnerinnen und Bewohnern sollen, auch im Rahmen institutioneller Wohn-angebote, ein Leben führen können, das sich an den gelebten Maßstäben der Ge-sellschaft orientiert. Dazu gehört u.a. eine räumliche Trennung von Wohnen, Arbeit und Freizeit.
Das bedeutet für uns und unser Handeln:

Das tägliche Leben der Bewohnerinnen und Bewohner wird nicht therapeutisch ver-fremdet, Unterstützungselemente fügen sich in alltägliche Verrichtungen ein und ori-entieren sich an den Fähigkeiten und Ressourcen der Bewohnerinnen und Bewoh-ner.


•    INTEGRATION


Soziale und gesellschaftliche Integration setzt überschaubare Lebenszusammen-hänge im Bereich des Wohnens, der Arbeit sowie der Freizeit voraus. Integration verwirklicht sich am bestem im gemeinsamen Tätigsein von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebens- und Lernzusammenhängen.

Das bedeutet für uns und unser Handeln:

Künstlich getrennte Lebenswelten werden durch geeignete Maßnahmen zusammen-geführt.
Neue Wohngruppen werden vorrangig gemeindeintegriert aufgebaut; Plätze in gro-ßen, derzeit noch vorhandenen Wohnbereichen werden zu Gunsten kleinerer Einhei-ten im Rahmen der Verlagerung reduziert.

Hilfsangebote zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben werden gemeinsam mit den behinderten Menschen entwickelt.


•    SELBSTBESTIMMUNG

Selbstbestimmung meint, dass eine Person zwischen verschiedenen Formen der Lebensgestaltung unabhängig entscheiden kann. Selbstbestimmtes Handeln kann sich sehr unterschiedlich gestalten und ist vom Grad und der Schwere der Behinde-rung abhängig. Selbstbestimmtes Handeln setzt keine Selbständigkeit bei der Bewäl-tigung des Alltags voraus. Viele Menschen mit Behinderungen benötigen ihr Leben lang Unterstützung und/oder Pflege durch andere.

Das bedeutet für uns und unser Handeln:


Der Grad der mit der Fremdhilfe verbundenen Abhängigkeit und Fremdbestimmtheit ist möglichst zu beschränken.


•    INDIVIDUALISIERUNG


Jeder Mensch ist ein „bedürftiges Wesen“. Zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehören neben dem Bedürfnis nach Nahrung, Wärme, Bewegung und Sexualität, das Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz, Geborgenheit und Distanz, Beständigkeit und Vertrautheit, Kontakt und Kommunikation, Selbstvertrauen und Unabhängigkeit und der Wunsch, sich als handelnde Person zu erleben.

Sich selbst als handelnde Person wahrnehmen können, schließt ein, Einfluss auf die eigene Lebensplanung zu haben. Dies kann bedeuten, dass einzelne Bewohnerin-nen und Bewohner die Hilfe, die aus fachlicher Sicht angezeigt scheint, nicht anneh-men möchten.

Das bedeutet für uns und unser Handeln:


Der Unterstützungsbedarf ist für jede Bewohnerin und jeden Bewohner individuell zu ermitteln. So lassen sich Über- oder Unterforderung vermeiden und am Bedarf orien-tierte Unterstützungsangebote entwickeln.

Orientierungsmaßstab für die Hilfeplanung sind die vorhandenen Fähigkeiten und Bedürfnisse des Einzelnen, auf dem Hintergrund seiner individuellen Biographie.

Es gibt Menschen mit einem besonderen Hilfebedarf, der oftmals in den Strukturen vorhandener institutionalisierter Wohnangebote nicht erbracht werden kann.

Der LWL sieht es grundsätzlich als seine Aufgabe an, spezialisierte Angebote für Personengruppen z.B. mit erheblichen sozialen Anpassungsstörungen aufzubauen.


•    ENTWICKLUNGSORIENTIERUNG

Der Mensch ist sein Leben lang an andere Personen gebunden und von Lernprozes-sen abhängig. In dem er sich die Welt und die Kompetenzen zur Bewältigung seiner Lebensumstände aneignet, gewinnt er seine Individualität und Einmaligkeit. Dabei ist er auf den Kontakt zu anderen Menschen angewiesen, d.h. seine Entwicklung kann sich nur in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbilden.

Sowohl Individualität als auch soziale Bezogenheit sind untrennbare Bestandteile des Menschlichen.

Das bedeutet für uns und unser Handeln:


Die grundsätzliche emotionale, soziale und intellektuelle Lernfähigkeit jedes Men-schen ist die Ausgangsbasis jeder Form von Begleitung, Unterstützung und Hilfe.


•    FÖRDERUNG VON ANSEHEN UND KOMPETENZ DURCH ERWEITERUNG DES ROLLENBILDES

Je mehr positiv bewertete Rollen eine Person einnimmt, desto größer sind ihre Mög-lichkeiten, selbstbestimmt handeln zu können und von anderen respektiert zu wer-den.

Das Ansehen eines Menschen besteht aus den Vorstellungen, die sich andere von ihm machen.

Das bedeutet für uns und unser Handeln:

Es gilt, Zuschreibungen und Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderungen entgegenzutreten, indem besonders darauf geachtet wird, die sozialen Rollen zu er-weitern und die Lebensumstände so zu gestalten, dass sie in die Spannbreite gesell-schaftlich positiv bewerteter Möglichkeiten zur Lebensgestaltung fallen.

Die Wohn- und Lebensverhältnisse der Bewohnerinnen und Bewohner sollen daher möglichst ein Niveau haben, das sich nicht nur am statistischen Durchschnitt orien-tiert, sondern besser noch darüber hinaus geht.

Die Förderung persönlicher Kompetenz bedeutet einen weiteren Weg zur Aufwertung und Erweiterung der sozialen Rolle eines Menschen. Es gilt, den Bewohnerinnen und Bewohnern ein Wohn- und Lebensumfeld zu schaffen, in dem die Entwicklung per-sönlicher Kompetenz und Unabhängigkeit in vielfältiger Weise möglich ist.


•    DIE BERÜCKSICHTIGUNG DER BESONDEREN VERLETZBARKEIT

In der Regel treffen die Nutzerinnen und Nutzer die Entscheidung, im institutionellen Rahmen einer Wohnverbundeinrichtung zu leben. In der Mehrzahl entscheiden An-gehörige, Betreuerinnen und Betreuer über den Wohn- und Lebensort.
Viele Bewohnerinnen und Bewohner haben im Verlauf ihrer Erkrankung oder in Fol-ge ihrer Behinderung das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten verloren und die Verantwortung für ihr eigenes Leben abgegeben.

Das bedeutet für uns und unser Handeln:

Da die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnbezogener Dienste aufgrund der erhöh-ten sozialen Abhängigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner eine erhebliche Macht über diese haben, tragen sie eine besondere Verantwortung für den Schutz und die Rechte der Nutzerinnen und Nutzer.