Faschismus

Dortmunder Wohlfahrtsblätter

1933

Ab 1933 werden in der Anstalt umfangreiche Statistiken geführt. Der Mensch wird zunehmend „verzahlt“. Es wird ihm ein Wert zugeordnet, Wertschätzung unterbleibt. Was kostet der Mensch, was bringt er durch Arbeit an Gewinn? Wann lohnt er nicht mehr? Die Verwaltungssprache wird bestimmend, befehlend, unmenschlich und hohl. Man führt Listen über die Beseitigung von Geisteskranken. Diese Akte liest sich wie ein Lagerverwaltungsbuch Zugang:Abgang; Wert:Unwert; Leben:Tod; Menschen als Sache. Draußen beruft man sich auf Gobineau und Galton, teilweise auch auf Darwin und propagiert bereits seit Beginn des 19. Jahrhundert die durch Auslese die befürchtete Vermehrung von „Minderwertigen“ und „Degenerierten“ zu verhindern und somit eine Rasse von besonders begabten, leistungsfähigen Individuen zu züchten. Die Arbeiten Darwins werden allzu gern zitiert. In Medizin und Psychiatrie werden solche Überlegungen aufgenommen. Sehr schnell erwachsen aus ihnen Vorschläge und Versuche, durch Sterilisierung den so genannten „minderwertigen Nachwuchs“ zu verhindern.

Mit der Machtübernahme der Nazis in Deutschland werden derlei Ideen radikalisiert und gnadenlos perfekt in die Praxis umgesetzt. Erklärtes Ziel ist der rassenreine, rassentüchtige und arische Volkskörper. Bereits im Jahre 1934 tritt das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. In der deutschen Psychiatrie diskutiert man rege, psychische Erbkrankheiten durch vorbeugende Maßnahmen zu bekämpfen. Ab 1934 werden in deutschen Heil- und Pflegeanstalten die Erbkranken systematisch ermittelt und, nach Prüfung durch Erbgesundheitsgerichte, zwangsweise sterilisiert. 350 000 Personen sind betroffen.

In Dortmund wird Dr. Paul Pohlmann im April 1935 zum Mitglied des Erbgesundheitsgerichts bestellt. Auch in der Aplerbecker Heilanstalt beginnt die systematische Sterilisation von psychisch Kranken. Im Laufe der folgenden Jahre werden etwa die Hälfte der Aplerbecker Patienten für sterilisationswürdig erklärt. In der Stadt Dortmund werden 3500 Erbkranke sterilisiert. Die Eingriffe an Männern werden überwiegend hier im Hause überwiegend, die an Frauen in den Städtischen Kliniken Dortmund durchgeführt.

Der Schritt von Zwangssterilisation zur Euthanasie wird von Hitler erst Jahre später vollzogen. Es werden Tötungsanstalten eingerichtet, der Massenmord an psychisch Kranken minutiös vorbereitet. Organisiert werden sie von der „T4“ Abteilung in Berlin (Tiergartenstraße 4)

Am 01.11.1941 beginnt die Kinderfachabteilung in Aplerbeck ihre Arbeit. Als in Niedermarsberg die Öffentlichkeit von den Kindestötung in der dort angesiedelten Abteilung erfährt, wird diese Abteilung kurzerhand nach Aplerbeck verlegt. Paul Pohlmann verweigert seine Zusammenarbeit, kann die Tötung von Kindern offensichtlich nicht mit seiner christlichen Weltanschauung vereinbaren. Er lässt sich umgehend und vorzeitig pensionieren, bleibt jedoch Arzt in der Anstalt. An seine Stelle tritt Dr. Fritz Wernicke, der ab Frühjahr 1940 sein Tötungshandwerk als Direktor in der polnischen Anstalt Gostynin erlernt hatte. Gemeinsam mit seinem Oberarzt Dr. Theo Niebel ist er für die Tötung von 229 Kindern in Aplerbeck verantwortlich.
Foto: LWL-Klinik