Diplom-Psychologe Manfred Tetzlaff

Die Zwangsstörung

Manfred Tetzlaff, Diplom-Psychologe

Bei Zwängen handelt es sich um Störungen, die weltweit in allen Kulturen vorkommen und somit nicht als Zeichen unserer modernen oder westlichen Gesellschaft zu verstehen sind. Die Verbreitung dieser Störung wird in der Regel unterschätzt, weil die Betroffenen sich erst spät anvertrauen oder nach Hilfe suchen aus Scham, von anderen als verrückt oder gefährlich eingeschätzt zu werden. Außerdem ist es oft schwer, genau einzugrenzen, ab wann diese Störung das Ausmaß einer Erkrankung erreicht, da die Übergänge von normalen Befürchtungen und Ritualen hin zu Zwängen fließend sind.

Meist werden Zwänge mit überwiegenden Zwangsgedanken von denen unterschieden, bei denen Zwangshandlungen im Vordergrund stehen. Sie können aber auch gleichzeitig auftreten. Heute geht man davon aus, dass auch den Zwangshandlungen bestimmte Zwangsgedanken in Form von Denkverzerrungen vorausgehen

Zwangsgedanken:
Hierunter versteht man nicht nur immer wiederkehrende Gedanken, sondern auch innere Bilder oder Impulse, die die betroffenen Menschen als quälend erleben, weil sie es nicht schaffen, diese Gedanken zu unterdrücken oder gar nicht erst zu denken. Anders als bei Wahnideen ist den Betroffenen klar, dass sie selber diese Gedanken hervorbringen. Sie erleben Schuld- oder Schamgefühle über die Inhalte dieser Gedanken, Bilder oder Impulse, wenn sie gewalttätige oder obszöne Inhalte haben, die im Widerspruch zu ihren eigenen Überzeugungen und Werten stehen.
Beispiele:
- ich könnte jemanden mit AIDS anstecken
- ich könnte versehentlich jemanden überfahren haben
- ich könnte anderen Menschen Schaden zufügen
Dabei sind die Gedanken selbst meist gar nicht so ungewöhnlich. Als Gedanken werden sie auch von vielen gesunden Menschen erlebt. Menschen mit Zwangsstörungen fehlt das Vertrauen zu sich, dass ihre Gedanken nicht automatisch zu Handlungen werden (die Gedanken sind frei). Die Zwangsgedanken können auch alleine ohne Zwangshandlungen auftreten.

Zwangshandlungen:
Dies sind oft schablonenhaft gleichförmig wiederholte körperliche Handlungen (z.B. Türgriffe kontrollieren, endlos langes Händewaschen) oder geistige Handlungen (z.B. in Gedanken zu zählen, innerlich Gedichte aufsagen). Meist sind auch hier Denkverzerrungen als Ausgangspunkt auszumachen (siehe Zwangsgedanken), oft sind die Zwangshandlungen aber schon so automatisiert, dass die zugrundeliegenden Denkverzerrungen nicht mehr bewusst zugänglich sind.
Beispiel:
rein theoretisch wäre es denkbar, dass ich beim Autofahren einen Stein mit dem Reifen weggeschleudert habe, der einem von mir unbemerkt neben mir fahrenden Radfahrer in sein Auge gesprungen ist und dieser liegt nun verletzt im Straßengraben und verblutet – es folgen als Zwangshandlungen, dass der Autofahrer immer wieder zurückfährt und die Straßengräben untersucht, in der Hoffnung sich zu vergewissern, dass er niemanden unbemerkt verletzt hat.
Zwangshandlungen geben den Betroffenen das trügerische Gefühl, dass sie etwas gegen ihre Ängste oder Befürchtungen tun können. Deshalb fühlen sie sich direkt nach der zwanghaften Handlung – aber leider nur vorübergehend – erst einmal erleichtert. Diese kurzfristig erlebte Verbindung „zwanghafte Handlung führt zu Erleichterung“ bleibt dann viel besser in der Erinnerung, als die Tatsache, dass die quälenden Sorgen trotz der Zwangsrituale langfristig immer wieder gekommen sind. Diese feste Überzeugung, dass sie nur durch diese Rituale großes Unheil oder quälende Gefühle bei sich abwenden können führt dazu, dass sie, je länger die Störung besteht, immer weniger in der Lage sind, auf diese Rituale zu verzichten.

Denkverzerrungen:
Beispiele:
- schlechte Gedanken sind nicht normal
- schlimme Gedanken führen zu schlimmen Ereignissen/Taten
- die Gedanken müssen dem eigenen Willen gehorchen
- die Welt ist gefährlich
- schlechte Gedanken müssen unterdrückt werden
- Grübeln hilft Probleme zu lösen

Typisches
Am häufigsten sind Wasch- und Kontrollzwänge. Die Waschzwänge beginnen meist plötzlich und betreffen Frauen öfter, die Kontrollzwänge entwickeln sich allmählich, hier sind mehr Männer betroffen. Ca. 2,5 % der Menschen erkranken in ihrem Leben an dieser Störung. Frauen (55%) scheinen etwas häufiger zu erkranken als Männer (45%). Der Beginn der Störung liegt im jungen Erwachsenenalter. Das Durchschnittsalter bei Störungsbeginn ist bei den Männern früher (20 Jahre) als bei den Frauen (25 Jahre).

Verlauf
Unbehandelt ist in der Regel mit einem chronischen Verlauf häufig auch mit einer Verschlechterung zu rechnen. Bei einer frühen Behandlung ist die Prognose deutlich besser als wenn die Behandlung erst nach jahrelangem Krankheitsverlauf aufgenommen wird.
Ein vollständiges Verschwinden der Beschwerden ist oft schwer zu erreichen. Deshalb ist es besonders wichtig, auf eine Reduzierung des Leidensdruckes und eine verbesserte Kontrolle der Zwangssymptomatik hinzuarbeiten, um dadurch eine erhebliche Besserung der Lebensqualität zu erreichen.

Behandlung
Mithilfe medikamentöser Behandlung durch einen (Fach-)Arzt sollte die Belastung durch die Zwangssymptomatik verringert werden.
Meist muss das persönliche Umfeld des Betroffenen (selbstverständlich nur mit seinem Einverständnis) einbezogen werden, wenn es darum geht, die Störung zu verstehen und „richtig“ damit umzugehen. Oft sind Angehörige mit betroffen und tragen ohne es zu wissen oder zu wollen dazu bei, dass sich die Beschwerden verschlechtern.
In der psychotherapeutischen Behandlung erfährt der Betroffene zunächst alles, was wir über diese Störung wissen (siehe Beginn dieser Erläuterungen). Dies ist so wichtig, damit er gut motiviert ist, mit daran zu arbeiten, dass er seine Vermeidung und sein Sicherheitsverhalten aufgeben kann. Ziel der Psychotherapie ist es, dass der Betroffene die kritischen Situationen, in denen er bisher Erleichterung durch die Zwangshandlungen oder –gedanken gesucht hatte, nun auf diese Rituale zu verzichten. Nur so erhält er die Chance, wieder erleben zu können, dass seine inneren Nöte auch ohne diese Rituale wieder verschwinden werden. Dieses Vorgehen nennt man auch „Exposition mit Reaktionsverhinderung“ (Exposition = bedeutet, sich Situationen oder Gedanken aussetzen; Reaktionsverhinderung = meint, keine der gewohnten Rituale zur vorübergehenden Erleichterung einzusetzen).
Dieses Ziel kann man aber nicht ohne gründliche, sorgfältige Vorbereitung angehen. Dazu gehört neben der oben genannten Aufklärung über die Erkrankung auch eine kognitive Therapie, eine psychotherapeutische Behandlung der Denkverzerrungen. Besonders bewährt hat sich hier ein noch neuer Ansatz: das Metakognitive Training bei Zwangsstörungen.

Die LWL-Klinik Dortmund bietet eine ambulante Gruppe für das Metakognitive Training an. Es gibt eine Sprechstunde zur Beratung, in der Allgemeinen Psychiatrie I der LWL-Klinik Dortmund.

Hinzuweisen ist auf Selbsthilfegruppen und Gruppen für Angehörige. Weitere Informationen geben Fachgesellschaften, wie die „Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.“ (www.zwaenge.de).

Auf der Seite des Unviversitätsklinikum Hamburg Eppendorf
http://www.uke.de/kliniken/psychiatrie/index_31780.php#aus_der_Einleitung_des_Selbsthilfebuches können Sie sich den Artikel „Assoziationsspaltung - Leitfaden zur Reduktion von Zwangsgedanken“ kostenlos herunterladen, das auf der Grundlage des Metakognitiven Trainings basiert.

Das gerade in der zweiten Auflage erschienen Buch „Erfolgreich gegen Zwangsstörungen“ von Steffen Moritz und Marit Hauschild (erschienen 2011 beim Springer Verlag) beschreibt das Metakognitive Training als Anleitung zum Selbsttraining und ist gerade für Betroffene und Angehörige verständlich geschrieben und zu empfehlen.