Frank Vetter

Der Wahn und die Wahnerkrankungen

Frank Vetter, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Der Wahn wird in der Psychiatrie zu den inhaltlichen Denkstörungen gerechnet. Hierbei handelt es sich um Symptome, welche bei verschiedenen psychischen Erkrankungen auftreten können.

Der Wahn ist eine die Lebensführung behindernde, falsche Überzeugung, an der der Betroffene trotz der Unvereinbarkeit mit der objektiv nachprüfbaren Wirklichkeit und entgegen üblichen Lebenserfahrungen unbeirrt festhält. Der Wahn kann als eine Störung der Urteilsfähigkeit beschrieben werden. Der Betroffene ist von der Echtheit seiner Überzeugung durchdrungen, auch ohne dass er eine Erklärung braucht. Er weiß es „einfach so“.

Wahnsymptome können vor allem in Zusammenhang mit einer Schizophrenie auftreten, aber auch im Rahmen einer Depression, einer Manie, der Demenz oder der Alkoholabhängigkeit.

Die Schizophrenie ist oft begleitet von Beziehungswahn; der Betroffene bezieht Dinge und Ereignisse in seiner Umgebung auf sich, die gar nichts mit ihm zu tun haben können; er glaubt beispielsweise, dass Fernsehnachrichten versteckte Botschaften an ihn persönlich enthalten. Eine stärkere Form ist der Beeinträchtigungswahn oder der Verfolgungswahn.

Bei einer Depression mit Wahnsymptomen treten zum Beispiel häufig Verarmungswahn, Schuldwahn und Katastrophendenken auf. Bei einer Manie besteht oft ein Größenwahn.

Der Umgang mit wahnhaften Menschen ist teilweise von beträchtlichen Ängsten geprägt, denn das Verhalten als „wahnsinnig“ empfundener Menschen erscheint Anderen häufig als unberechenbar. Es ist für Außenstehende oft aussichtslos, einen Betroffenen von seiner wahnhaften Überzeugung abbringen zu wollen. Oft führt der Wahn dazu, dass der Betroffene sich immer mehr von seiner Umgebung zurückzieht, da niemand seine Überzeugungen teilen kann. Es kommt auch vor, dass der Betroffene im Rahmen seines Wahnerlebens sich und andere in Gefahr bringt, etwa wenn ein an Schizophrenie Erkrankter sich durch wilde Flucht oder aggressives Verhalten vor vermeintlichen Außerirdischen schützen will.

Die psychiatrische Behandlung ist je nach diagnostizierter zugrunde liegender Erkrankung unterschiedlich. Von großer Wichtigkeit ist daher die genaue Abklärung der Diagnose. Prinzipiell kommen in der Psychiatrie bei Wahn unterschiedlicher Art Neuroleptika auf Grund ihrer antipsychotischen Wirkung in Frage. Hiermit lässt sich oft eine rasche Besserung der Wahnsymptomatik erzielen. Bei Erkrankungen wie Manie oder Depression erfolgt dies dann meist zusätzlich zur antimanischen oder antidepressiven Medikation. Daneben ist ein breitgefächertes Therapieangebot, das unter anderem einen gebesserten Realitätsbezug zum Ziel hat, fast immer förderlich.

Ein ausgeprägter Wahn ist zur Abklärung und zur Behandlung meistens ein Grund für eine stationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik.

Als Wahnhafte Störung dagegen bezeichnet man ein seltener auftretendes eigenständiges Krankheitsbild. Hierauf entfällt von allen in einer psychiatrischen Klinik aufgenommenen Patienten etwa 1-2%. Bei der Wahnhaften Störung fehlen meist andere Symptome, wie sie etwa für die Schizophrenie oder die Depression typisch sind. Die Entwicklung der wahnhaften Symptome ist fast nie akut, sondern zieht sich über viele Monate oder gar Jahre hin. Oft besteht auch ein Zusammenhang mit der Lebenssituation. Etwa kann erhebliche Einsamkeit und Isolation über einen längeren Zeitraum die Entwicklung einer Wahnhaften Störung begünstigen.

Die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten entsprechen in etwa der, die auch bei den oben geschilderten Wahnsymptomen genutzt werden. Ein wichtiges Augenmerk ist aber auch auf eine mögliche Verbesserung der sozialen Situation zu richten.