Die Schizophrenie

Dr. Ralf Haumann, Oberarzt

Die Schizophrenie stellt eine tiefgreifende psychische Erkrankung aus der Gruppe der Psychosen dar. Sie kann einhergehen mit schweren Veränderungen der Denkabläufe, der Gedankeninhalte, der Wahrnehmungen, des Gefühlslebens (Affektivität) und des Antriebes.

Ungefähr 1% der Bevölkerung (also jeder hundertste Bürger) der Bundesrepublik Deutschland erkrankt mindestens einmal im Leben an einer Schizophrenie. In der BRD wird derzeit von ca. 800 000 Betroffenen und von jährlich 13 000 neu an einer Schizophrenie erkrankte Menschen ausgegangen. Die Ersterkrankung tritt zumeist zwischen dem 18. und 35 Lebensjahr auf, beide Geschlechter sind gleichermaßen betroffen. Männer erkranken oftmals etwas früher als Frauen.

Den akuten Krankheitsphasen der Schizophrenie ist oftmals eine sogenannte Prodromalphase vorangestellt. Diese kann bis zu fünf Jahre vor der aktiven Phase der Erkrankung mit psychotischen Symptomen vorausgehen. Sie ist gekennzeichnet von einer langsamen Entwicklung, von sozialem Rückzug, uncharakteristischen Verhaltensauffälligkeiten, Leistungsminderung (z.B. Leistungsknick in der Schule), fremdartigen Ideen und uncharakteristischen affektiven Symptomen, wie erhöhte Reizbarkeit.

Der Beginn einer Erkrankung kann schleichend mit zunehmenden Symptomen oder akut sein. Frühsymptome können in Form von Schlafstörungen, erhöhter Reizbarkeit, Rückzug, Konzentrationsstörungen oder in Form von für die betroffene Person ungewöhnlichen Verhaltensweisen auftreten.

Die akute Krankheitsphase ist geprägt von schweren Störungen des Denkens, so dass das Denken unlogisch, zusammenhanglos, sprunghaft oder verlangsamt wird. Begriffe verlieren ihre genaue Bedeutung, es kommt zu Wortneubildungen. Ferner können Gedankenabbrüche dazu führen, dass mitten in einem Satz dieser abgebrochen wird. Auf dem Höhepunkt der Erkrankung kann der Betroffene das Gefühl haben, dass die eigenen Gedanken fremd sind oder ihm entzogen werden. Hierdurch sind auch die Aufmerksamkeit, Konzentration und Merkfähigkeit erheblich beeinträchtigt. Der Antrieb kann gesteigert, bis hin zu unkontrollierter Überaktivität, oder aber deutlich herabgesetzt sein. Das Gefühlsleben kann zu Beginn unpassend zur eigentlichen Situation sein. Häufig bestehen massive Angstgefühle. Depressive Verstimmungen mit Rat- und Hilflosigkeit sind ebenso wie gehobene Stimmungslagen mit albernem und hemmungslosem Verhalten möglich. Die Ich-Funktion, also das normale Erleben der eigenen Person in Abgrenzung zur Umwelt und anderen Personen, kann gestört sein, so dass der Betroffene glaubt die eigene Gedanken würden von Fremden gemacht oder die Umwelt wird als unwirklich erlebt. Der Realitätsbezug geht zunehmend verloren. Wahnvorstellungen können derart auftreten, dass der Schizophrene unkorrigierbar davon überzeugt ist, dass er verfolgt wird, andere sich gegen ihn verschworen haben, oder aber, dass er vergiftet, bestrahlt und manipuliert wird. Eine Überprüfung der Wirklichkeit und ein Realitätsangleich sind aufgrund der Wahrnehmungsveränderungen, trotz stetigem Bemühens des Betroffenen, nicht möglich. Halluzinationen können dazu führen, dass Betroffene Geräusche oder Stimmen hören, letzteres häufig mit unangenehmen, bedrohlichen und verängstigenden Inhalten. Auch optische Phänomene, wie auch Geruchs- und Leibhalluzinationen gehören zum Spektrum der möglichen Symptomatik, so dass Gegenstände oder Personen, die nicht real sind, bzw. Fehlwahrnehmungen von Gerüchen sowie körperliche Beeinträchtigungen wahrgenommen werden können. Bewegungsstörungen in Form von bizarren Bewegungs- und Ausdrucksverarmung bis hin zur völligen Bewegungsverharrung können bestehen.

Bei der schizophrenen Symptomatik wird häufig zwischen einer Positiv- und Negativsymptomatik unterschieden. Unter positiver Symptomatik werden in erster Linie Halluzinationen, Wahn und motorische Erregung verstanden, während als Negativsymptome eine Antriebsminderung, Teilnahmslosigkeit, sprachliche und gedankliche Einschränkungen, sozialer Rückzug und Affektverarmung verstanden wird.

Zahlreiche Einflussfaktoren können in individuell unterschiedlicher Gewichtung zu einer erhöten Bereitschaft für eine Schizophrenie führen. Hierzu gehören genetische und neurobiologische Faktoren sowie Umwelteinflüsse. Das Risiko an einer Schizophrenie zu erkranken erhöht sich im Vergleich zur Normalbevölkerung von 1 auf 3 % sofern ein Großelternteil erkrankt ist, bei einem betroffenem Elternteil steigt auf ca. 10 %, aber selbst eineiige Zwillingsgeschwister sind nur in 40-60 % beide betroffen, so dass kein einfacher Erbgang vorliegt

Im Sinne des Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modells wird davon ausgegangen, das entsprechen der persönlichen Veranlagung bei hinzukommen von Belastungen die individuelle Belastungsgrenzen überschritten werden, so dass es dann zu einer akuten Erkrankung kommt. Solche Belastungsfaktoren können z.B. Verlust eines nahen Angehörigen, Verlust des Arbeitsplatzes, aber auch Drogenkonsum, hier wäre insbesondere Cannabis zu nennen, kommen.

Der Krankheitsverlauf und die Prognose sind individuell sehr unterschiedlich und wird auch durch die persönlichen und sozialen Bewältigungsstrategien des Betroffenen geprägt. Eine konsequente Einnahme der Medikamente (sog. Neuroleptika) auch in beschwerdefreien Intervallen senkt das Risiko für weitere Krankheitsausbrüche deutlich. Die Schizophrenie kann in unterschiedlichen Schweregraden und verschiedenen Verlaustypen auftreten. Das Spektrum reicht von einer einmaligen schizophrenen Episode in 20-25 % der Fälle ohne bleibende Einschränkungen bis hin zu chronischen Verläufen. Neben primär chronischen Verläufen gibt es häufig Verlaufsbilder mit einem wellenförmigen, episodenhaften Charakter. Dabei werden Verlaufsformen mit episodischem Charakter in Episoden mit stabiler oder zunehmender Restsymptomatik, oder episodisch-remittierend unterschieden. Auch eine vollständige Heilung nach wellenförmigem Verlauf ist möglich. Über die Hälfte der Betroffenen gliedert sich wieder in das soziale Umfeld ein und kann einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Jeder dritte chronische Verlauf ist in seiner Ausprägung als leicht einzustufen, daneben gibt es auch Verläufe mit ungünstiger Prognose, die mit bleibender Symptomatik und Persönlichkeitsänderungen einhergehen können.

Die Behandlung der Schizophrenie beruht auf drei Therapiesäulen, der Medikation, der Psychotherapie und der Soziotherapie.
Die medikamentöse Behandlung wird benötigt um in der Akutphase der Erkrankung die psychotische Symptomatik möglichst vollständig zurückzubilden. Antipsychotika oder Neuroleptika sind Medikamente, welche die Fehlregulation der Botenstoffe im Gehirn beheben. Sie sind somit die Grundlage der Therapie von Psychosen. Dennoch ist unter Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen und Belastungsfaktoren sowie Bewältigungsstrategien nicht auszuschließen, dass eine Restsymptomatik verbleibt. Trotz möglichst behutsamen Einsatzes lassen sich auch Nebenwirkungen der Medikation nicht immer vermeiden. Besonders die Positivsymptomatik der Schizophrenie ist einer medikamentösen Behandlung gut zugänglich, während die o.g. Negativsymptome nur begrenzt sich pharmakologisch beeinflussen lassen, hier kommen eher die kognitive Verhaltenstherapie als Psychotherapieverfahren und die Soziotherapie zum Einsatz. Unterschieden muss eine medikamentöse Behandlung der Akutphase von einer Erhaltungstherapie bzw. rezidivprophylaktischen Therapie im Anschluss an die akute Krankheitsphase, die in der Regel über Jahre fortgeführt werden sollte. Diese dient dazu, das Risiko von Erkrankungsrückfällen zu verringern und die individuelle Belastbarkeit zu erhöhen. Antidepressiva sind in der Behandlung gelegentlich bei deutlich depressiver, gedrückter Stimmungslage ergänzend sinnvoll.
Eine Psychotherapie soll den Betroffenen ermöglichen die Diagnose anzunehmen und zu verarbeiten, das Krankheitserleben zu bewältigen und Strategien im Umgang mit den als Negativsymptomen wie Konzentrations-, Aufmerksamkeitsstörungen und sozialem Rückzug zu entwickeln. Hierzu stehen kognitive Verhaltenstherapieformen zur Verfügung. Auch im Rahmen einer Psychoedukation wird den Betroffenen ermöglicht das Krankheitsbild zu verstehen, Informationen Behandlungs-möglichkeiten zu erhalten, ein individuelles Frühsymptommanagement zu erlernen und Kriseninterventionsmaßnahmen festzulegen.
Soziotherapeutische Maßnahmen dienen dazu die sozialen Fertigkeiten zu bessern, sozialen Rückzug zu vermeiden einem Antriebsmangel zu begegnen, das Aktivitätsniveau zu steigern, um so die soziale Reintegration zu fördern.