Privatdozent Dr. Gerhard Reymann

Die Alkoholerkrankungen

Privatdozent Dr. Gerhard Reymann, Chefarzt Suchtmedizin

 

 

 

Die Mehrzahl der erwachsenen Bundesbürger trinkt zumindest einmal im Monat Alkohol. Nur ein kleiner Anteil dieser Menschen entwickelt dabei eine der Alkoholkrankheiten.

 

Was sind Warnzeichen dafür, dass sich eine Alkoholkrankheit entwickelt?

 

1. Nicht selten verursacht der regelmäßige Konsum von Alkohol körperliche Probleme: Der Hausarzt stellt erhöhte Leberwerte fest oder der Neurologe teilt einem mit, dass die Nervenleitung in den Beinen verzögert ist, weil sich Alkohol dort als Nervengift auswirkt.

 

In diesen oder in ähnlichen Situationen wird ein sonst gesunder Mensch seinen Alkoholkonsum einstellen. Wenn trotz negativer Konsequenzen weiterhin Alkohol getrunken wird, stellt dies einen schädlichen Konsum dar. Dies ist oft eine frühe Form einer Alkoholerkrankung. Sie bedarf professioneller Behandlung, die wir gerne in unserer suchtmedizinischen Ambulanz anbieten.

 

2. Manchmal nehmen die Beschaffung und der Konsum des Alkohols sowie die Erholung vom Rausch viel Zeit und Kraft in Anspruch. Dann werden möglicherweise berufliche, familiäre oder private Pflichten etwas vernachlässigt. Wenn dies deutlicher wird und aus der Familie oder vom Arbeitgeber her kritische Rückmeldungen kommen, ist dies ein ernstes Zeichen. Alkohol beginnt dann im Leben eine größere Rolle zu spielen. Andere Menschen merken dies zuerst daran, dass sie weniger Zeit und Kraft oder Interesse haben, ihnen lieb gewordene Hobbys, Ehrenämter oder persönliche Anliegen weiter zu verfolgen.

 

3. Wenn sich in Zeiten der Alkoholfreiheit sehnsuchtsvolle Gedanken an Alkohol einstellen, ist dies ein bedenkliches Zeichen. Dies gilt einmal an gewöhnlichen Werktagen, wenn auf der Arbeit nicht getrunken wird. Wenn im Verlauf des Arbeitstages wiederholt der Gedanke auftritt, nach Feierabendendlich Alkohol trinken zu dürfen, ist dies ein Warnzeichen. Verzögert sich der abendliche Alkoholkonsum aus welchem Grund auch immer und führt dieses dann zu Ärger und Reizbarkeit, so ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Der Fachmann spricht an dieser Stelle von Suchtdruck. Er kann in verschiedensten Formen in Erscheinung treten. Suchtdruck verschwindet, sobald Alkohol getrunken wird und stellt sich in längeren Trinkpausen wieder ein.

 

4. Ein weiteres Warnzeichen besteht darin, dass im Verlauf von Jahren die konsumierte Alkoholmenge langsam ansteigt. Dies kann daran liegen, dass der Körper sich an den Alkohol in der Form gewöhnt, dass die gleiche Alkoholmenge immer weniger Effekt zeigt. Dann wird entsprechend die Trinkmenge erhöht. Der Fachbegriff hierzu lautet Toleranzentwicklung. Erst wenn der Körper schwerer geschädigt ist oder in höherem Lebensalter nimmt die Alkoholtoleranz dann wieder ab: Dann bewirken kleine Alkoholmengen bereits deutliche Effekte. Dies ist dann eher ein Spätzeichen von fortgeschrittener Alkoholkrankheit.

 

5. In vielen Situationen wird Alkoholkonsum in einem gewissen Umfang geplant: So wird z. B. bei einem gemeinsamen Essen mit Freunden oder mit der Familie das Trinken von einem oder zwei alkoholischen Drinks vorab ins Auge gefasst. Sie sollten aufmerksam dafür sein, ob diese Planung auch hinterher richtig umgesetzt wird. Wenn entgegen dem Vorsatz dann drei oder gar vier alkoholische Getränke getrunken werden, ist dies ein Warnzeichen. Oft wird auch innerhalb der Partnerschaft eine gewisse Trinkmenge z. B. für einen anstehenden Partybesuch verabredet. Wenn diese Verabredung dadurch durchbrochen wird, dass dann mehr Alkohol getrunken wird, ist dies ein ernstes Warnzeichen. Dies spricht für eine Verminderung der Kontrollfähigkeit über den Beginn, die Menge oder das Ende des Alkoholkonsums.

 

6. Viele Menschen die Alkohol trinken, verordnen sich selbst alkoholfreie Zeiten. So wird z. B. manchmal während des Urlaubs überhaupt kein Alkohol getrunken. Andere Menschen trinken grundsätzlich von Montag bis einschließlich Freitagkeinen Alkohol. Solche alkoholfreien Zeiten können sinnvoll sein, weil sich der Körper vom Alkohol erholen kann. Sie werden aber von den Betroffenen nicht selten als Beweis angesehen, den Konsum noch steuern zu können. Man sollte jedoch sehr aufmerksam sein, wie es einem zu Beginn der alkoholfreien Zeit ergeht. Wenn direkt nach dem Abklingen der Alkoholisierung Unruhe und Reizbarkeit auftreten, wenn der Schlaf in der ersten alkoholfreien Nacht gestört ist und eine vermehrte Schreckhaftigkeit besteht, kann all` dies Ausdruck eines Entzugssyndroms sein. In einer solchen Situation sollten Sie in jedem Fall Ihren Arzt aufsuchen.

 

Jeder, der die oben stehenden sechs Abschnitte gelesen hat,mag sich fragen, in wie vielen dieser Abschnitte er sich selbst innerhalb des letzten Jahres wiedererkannt hat. 

 

Selbstverständlich können Sie sich auch fragen, bei wie vielen der oben genannten sechs Abschnitte Sie die Lebenssituation eines konkreten, Ihnen nahestehenden Menschen wiedergefunden haben. Sollten Sie da fündig geworden sein, empfehlen wir Ihnen den als PDF beigefügten Schnelltest AUDIT-GM herunterzuladen, auszudrucken und für sich selber einmal auszufüllen. Die Auswertung ist kinderleicht. Sie steht unten auf dem Fragebogen abgedruckt.

 

Wenn Sie zu diesem Thema und/oder zum Ergebnis des AUDIT-GM Fragen haben, verabreden Sie gerne einen Einzeltermin in der suchtmedizinischen Ambulanz der LWL-Klinik Dortmund.

 

Alkoholkrankheit entwickelt sich schrittweise und oft schleichend über Jahrzehnte. Nehmen Sie für sich selbst oder für Ihren Angehörigen gerne die Beratung von Fachleuten in Anspruch, um sich klar darüber zu werden, wo Sie stehen. In jedem Fall gibt es verschiedene gute Möglichkeiten, wie Sie sich in Ihrer Lebenssituation so verhalten können, dass dieProbleme eher geringer als größer werden.