Elisabeth Can, Funktionsoberärztin

Die Borderline Störung

Elisabeth Can, Funktionsoberärztin

Menschen, die unter einer Borderline- Persönlichkeitsstörung (ICD 10: emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ) leiden, merken meist schon in der Kindheit oder Adoleszenz, dass sie „irgendwie anders“, heftiger, fühlen und reagieren als ihre Mitschüler. Die Störung entsteht wahrscheinlich aus dem Zusammenspiel einer biologischen, hirnorganischen Disposition (Veranlagung) und individuellen Entwicklungsfaktoren. Viele Betroffene, aber nicht alle, berichten eine sehr problematische Kindheit.


Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (Abgekürzt BPS) ist gekennzeichnet durch Impulsivität, also heftige und überschießende Reaktionen, durch Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen, starke Stimmungsschwankungen und ein unsicheres, instabiles Selbstbild (im Extremfall berichten Patienten, dass sie nicht alleine sein können, weil sie ohne Gegenüber nicht mehr wissen, wer sie sind und auf sich alleine gestellt das Gefühl haben, nicht mehr zu existieren). Unterschiedliche Bereiche der Gefühle, des Denkens und des Handelns sind betroffen, es kommt zu Schwierigkeiten in Beziehungen zu anderen und in der Beziehung zu sich selber. Oftmals können verschiedene Gefühle gar nicht mehr auseinandergehalten werden, Pat. berichten von diffusem „Druck“ oder Stress, durch den sie keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Verhaltensmuster wirken oft widersinnig, sind oft dysfunktional, also dem eigentlichen Ziel nicht förderlich. Bekanntestes Symptom ist sicherlich die Selbstverletzung, wenn Pat. versuchen, z.B. durch „Ritzen“ innerer Spannung und Druck abzubauen.


Im DSM-IV, dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association und international verwendeten Diagnosesystem, wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung wie folgt definiert: „Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in den zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie deutliche Impulsivität. Der Beginn liegt oftmals im frühen Erwachsenenalter bzw. in der Pubertät und manifestiert sich in verschiedenen Lebensbereichen“.
-> Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein, wenn von einer solchen Störung gesprochen wird:
1.Starkes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
2.Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist (sog. Schwarz-Weiß-Denken).
3. Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung. (Wer bin ich? Wie fühle ich mich?)
4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (z. B. Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, zu viel oder zu wenig essen).
5.Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
6.Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradige episodische Dysphorie, Depressivität, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).
7.Chronische Gefühle von Leere.
8.Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).
9.Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
Die Vielzahl möglicher Symptome bedeutet auch, dass kaum zwei PatientInnen mit der Diagnose einer BPS auch gleiche Probleme haben, vielmehr ist das Bild so individuell wie die Betroffenen selber. Auch der Schweregrad der Störung variiert von geringer Beeinträchtigung bis hin zum völligen Ausgeliefertsein an die Symptome.
Hinzu kommt, dass die BPS sehr häufig von weiteren Belastungen begleitet wird, z.B. Depressionen oder Dissoziationen (Traumähnliche Abwesenheitszustände)

Untersuchungen zur Häufigkeit der Störung kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. In der Gesamtbevölkerung scheinen ca. 1-2% der Menschen im Laufe ihres Lebens an BPS zu erkranken. Im psychiatrisch-stationären Rahmen machen Persönlichkeitsstörungen und ihre Begleiterkrankungen einen Großteil der Aufnahmen aus. Frauen scheinen etwas häufiger betroffen zu sein als Männer.
Die Entstehung der BPS legt nahe, dass die Symptomatik schon bei jungen Menschen deutlich wird, selten wird die Diagnose bei Menschen über 40 Jahre erstmalig gestellt. Im Verlauf des Lebens ändert sich die Symptomatik oft, die Symptome werden weniger dramatisch, eher kommt es zu sozialem Rückzug, Depressionen, Angststörungen u.ä.

Therapie:
Es gibt kein Medikament, das zur Behandlung der BPS zugelassen ist. Trotzdem erhalten viele Betroffenen gleich mehrere Medikamente. Man kann versuchen, durch Psychopharmaka bestimmte Begleitsymptome positiv zu beeinflussen. So werden z.B. Antidepressiva eingesetzt oder auch bestimmte Neuroleptika, die einen beruhigenden und abschirmenden Effekt haben. Stimmungsstabilisatoren wie Valproinsäure können helfen, heftige Impulsivität zu mildern. Da viele Betroffene auf Grund der Störung suchtgefährdet sind, muss man mit Sedativa (reinen Beruhigungsmitteln) und Schlafmitteln sehr zurückhaltend umgehen, um keine Abhängigkeit hervorzurufen.
Die wesentliche Behandlung ist die psychotherapeutische. Hier geht es zunächst einmal um Symptomkontrolle, d.h. die Betroffenen lernen, wie sie ihre Gefühle differenzieren, besser ertragen und positiv beeinflussen können. Es werden Alternativen zu Selbstverletzungen gesucht und Möglichkeiten zur Stressreduktion erarbeitet. Bekanntestes Therapieverfahren ist wohl die DBT-Behandlung (dialektisch-behaviorale Therapie nach M. Linehan), die auf spezialisierten Stationen angeboten wird.
Wichtig ist eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung, in der die Betroffene sich angenommen fühlt und sich auch trauen kann, sich selber anzugucken. Wenn „die Chemie nicht stimmt“, kommt es rasch zu Therapieabbrüchen.


Im weiteren Therapieverlauf steht dann die Entwicklung eines stabilen Selbstbildes, der Aufbau von Selbstvertrauen und die Möglichkeit, sich selber anzunehmen, im Vordergrund. Hierzu stehen verschiedenste, sich ergänzende Verfahren zur Verfügung. In akuten Krisen ist oft die stationäre Behandlung erforderlich. Diese sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Wesentlicher ist die ambulante Begleitung durch entsprechend ausgebildete Therapeuten. In unserer Klinik werden auch ambulante Gruppen angeboten.

Zur Prognose bleibt zu sagen, dass viele der quälenden Symptome gut zurückgebildet werden können. Für viele bieten ihre intensiven und heftigen Gefühle letztlich auch eine große Chance, ihr Leben viel bewusster wahrzunehmen und zu gestalten