Markus Kirnapci

Die Angststörung

Markus Kirnapci, Oberarzt

Die Angststörung

Markus Kirnapci, Oberarzt

Wenn Angst den Alltag beherrscht
Was sind Angst-Störungen und wie werden sie behandelt?

Wenn das Herz rast, die Hände zittern und der Magen krampft, wenn man an einen sicheren Ort flüchten möchte und das Adrenalin durch den Körper peitscht, dann hat man es mit der Angst zu tun. Das Gefühl kennt jeder, denn es ist eine natürliche Schutzreaktion auf gefährliche Situationen. Eine gute und überlebenswichtige Reaktion, denn ohne Angst würden wir blindlings ins Verderben laufen – etwa auf eine vielbefahrene Straße. Wir würden bedenkenlos Risiken eingehen und weder Strom noch Feuer meiden. Die Angst lässt uns vorsichtig werden und sorgt dafür, dass wir uns in Sicherheit bringen, wenn Gefahr droht. Angst ist also doch ein guter Ratgeber - es sei denn, sie tritt auf, wenn gar keine Bedrohung vorhanden ist.

Angst oder Angst-Störung?

Wer in ungewohnten Situationen ein mulmiges Gefühl hat oder eher ängstlich als mutig reagiert, der ist noch lange nicht krank. Angst wird erst dann zur Angst-Störung, wenn sie grundlos auftaucht und besonders heftige Reaktionen hervorruft. Dann führt sie beispielsweise ohne erkennbare Ursache zu Panikattacken oder bestimmt das Leben, weil man ständig bemüht ist, aus Angst vor der Angst bestimmte Situationen zu vermeiden. Es gibt ganz unterschiedliche Angst-Störungen, die den Alltag beeinflussen können.

Panikstörung:
Bei der Panikstörung kommt es wiederholt und unvorhersehbar zu schweren Angstattacken. Eine solche Attacke erreicht ihren Höhepunkt nach etwa zehn Minuten und dauert im Durchschnitt 45 Minuten. Oft hat der Betroffene dabei die Sorge, unter einer gefährlichen körperlichen Erkrankung zu leiden und meint beispielsweise, einen Herzinfarkt zu haben. Die Panikstörung tritt üblicherweise im späten Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter auf.

Agoraphobie:
Bei der Agoraphobie haben die Betroffenen Angst davor, dass ihnen im Fall einer Panikattacke nicht schnell genug geholfen werden kann. Sie meiden entsprechende Orte und Situationen - zum Beispiel Menschenmengen, öffentliche Plätze, Reisen mit Bahn, Bus oder Flugzeug. Das kann so weit gehen, dass sie die Wohnung nicht mehr verlassen.

Soziale Phobie:
Bei der sozialen Phobie leidet der Betroffene unter der andauernden und übertriebenen Furcht,
von den Mitmenschen geprüft, beurteilt oder kritisiert zu werden. Ein niedriges Selbstwertgefühl spielt hierbei eine große Rolle. Erröten, Händezittern, Übelkeit oder Harndrang sind die Folge. Das Sprechen in der Öffentlichkeit oder mit Unbekannten wird häufig gefürchtet und vermieden. Soziale Phobien haben ihren Beginn oft schon im Jugendalter oder während der Pubertät.

Generalisierte Angststörung:
Bei der generalisierten Angststörung ist Angst nicht auf bestimmte Situationen beschränkt, sondern äußert sich durch permanente übermäßige Sorgen. Der Betroffene denkt beispielsweise häufig, dass er selbst oder ein Angehöriger erkranken oder einen Unfall haben könnte. Die Symptome: Ruhelosigkeit, leichte Ermüdbarkeit, Reizbarkeit, ständige Nervosität, Zittern, Muskelverspannungen, Konzentrations- und Schlafstörungen. Generalisierte Angststörungen sind in jüngeren Lebensjahren seltener und treten häufig erst nach dem 40. Lebensjahr auf.

Spezifische Phobie:
Als spezifische Phobie bezeichnet man die Angst vor einzelnen konkreten Objekten oder Situationen. Beispiele: Fliegen im Flugzeug, große Höhen, Dunkelheit, Anblick von Blut, Spinnen, oder Zahnarztbesuche. Die auslösende Situation ist zwar klar und begrenzt, kann aber als Reaktion schwere Panikzustände verursachen. Spezifische Phobien treten meist bereits im Kindesalter auf.


Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Das bedeutet, dass statistisch gesehen etwa jeder siebte Mensch im Laufe seines Lebens unter einer Form der Angststörung leidet. Am weitesten verbreitet sind soziale Phobien mit 10%, spezifische Phobien mit 9%, und Agoraphobien mit 5%. Von einer Panikstörung sind ca. 3% betroffen.
(Angaben aus: „Psychische Erkrankungen“, Mathias Berger, Urban & Fischer Verlag, 2009)
Zwei Drittel der Patienten mit Angststörungen sind weiblich. Verwitwete oder getrennt lebende Menschen erkranken häufiger als ledige oder verheiratete.

Verlauf und Prognose:
Angst-Störungen sollten schnell behandelt werden, denn sie lösen sich nicht von selber auf. Es kommt nur in einem Fünftel der Fälle zu einem spontanen Rückgang der Symptome. Es gibt zwar durchaus mehrmonatige oder jahrelange symptomfreie Intervalle, aber unbehandelt wird die Störung in der Hälfte aller Fälle chronisch. Hierbei muss man auch bedenken, dass zwischen dem ersten Auftreten der Angstsymptome und der Diagnose durch den Arzt oft schon 5 bis 15 Jahre vergangen sind. Je früher Sie handeln, desto besser. Bei längeren und insbesondere unbehandelten Verläufen besteht ein erhöhtes Risiko für Begleiterkrankungen wie Alkohol- oder Tablettenabhängigkeit und Depression.

Angstfrei, wie geht das?
Um den Umgang mit der Angst zu lernen und sie zu lindern, ist in den meisten Fällen eine Psychotherapie mit einem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Vorgehen als Verfahren der ersten Wahl empfehlenswert.
Danach werden kognitive Strategien, imaginative Verfahren, Entspannungstechniken und gezielte therapeutisch begleitete Expositionen und Desensibilisierungen angewandt.
Übliche Ziele, auf die in einer (ambulanten oder stationären) Behandlung hingearbeitet werden, lauten beispielsweise:
 Konkretisierung der Sorgen und Problemfelder
 Veränderung kognitiver Verzerrungen
 Einschränkung des Katastrophisierens
 Förderung der Problemlösefähigkeit
 Reduktion der vegetativen Übererregbarkeit und angstverstärkender Aktivitäten
 Abbau von Vermeidungsverhalten
Daneben sind natürlich auf jeden individuellen Fall bezogene persönliche Ziele und Maßnahmen möglich, die mit dem jeweiligen Therapeuten abgesprochen werden.
Begleitend ist eine unterstützende medikamentöse Behandlung verfügbar, aber nicht in jedem Fall erforderlich.