07. Februar 2013, 19:00 Uhr: Landhaus Lesung

Kerstin Fischer: Juris Kristalle

Kerstin Fischer, 1965 geboren, hat Germanistik und Geschichte in Bremen studiert, anschließend volontiert und mehrere Jahre als freie Publizistin bei verschiedenen Zeitungen gearbeitet (Literatur- und Theaterkritik). Neben den Auftragsarbeiten sind  Kurzgeschichten und Lyrik für Anthologien entstanden. Seit 2006 ausschließlich Arbeit als freie Schriftstellerin. Ein erstes Buch, die romanhafte Erzählung "Das Gewächshaus", eine poetische Bearbeitung des Themas Magersucht, wird 2007  veröffentlicht. Zwei Jahre darauf folgt ein zweiter Titel: "Sergejs Schatten", in dem ein Narzisst im Mittelpunkt steht. Das beschädigte menschliche Innenleben bleibt auch in dem 2012 im worthandel : verlag erschienenen dritten Titel Kernthema: "Juris Kristalle. Novelle über eine Schizophrenie". Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller. 

Juris Kristalle

Juris Kristalle: Novelle über eine Schizophrenie

Die unheimlichen Denkwürdigkeiten häufen sich für den Studenten Juri: Mal huschen nicht genauer ausdeutbare Schatten über den Balkon der heimischen Wohnung, mal kauert in den endlos langen Fluren der Universität ein Mann mit einem schwarzen, bereits sehr abgetragenen Mantel hinter ihm. Als der sich erhebt und den Blick auf Juri richtet, entsetzt dieser sich zutiefst, „denn er erkannte dessen Augen: es waren die flackernden Augen Rodion Raskolnikows, die ihn da anstarrten “, jenes Mörders von Aljona und Lisaweta Iwanowna aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“.


Sequenzen aus Juris Erfahrungswelt, weder der schier grenzenlosen Welt der Phantasie noch den wie auch immer gearteten Erfahrbarkeiten des realen Lebens zuzuordnen. Sie scheinen „irgendwie dazwischen angelegt, wie auf Durchreise“. Wundersame Formen nimmt dies an: Glühende, unnatürlich große Augenpaare gehören dazu, blutgetränkte Kleiderfetzen, scheinbar längst vergessene Mythen, die sich der Lebenswirklichkeit entgegenstellen. Auch ein Tier taucht auf, nachts in seiner Traumwelt: Buck, entsprungen aus Jack Londons „Der Ruf der Wildnis“, ihm zur Seite stehend, nicht nur in der Universität, sondern auch beim Überlebenskampf in der gehässigen Arbeitswelt einer Zeitungsredaktion.


In geradezu beängstigender Weise folgt Kerstin Fischer durch die schlickrigen und weit jenseitig liegenden Kanalgänge von Juris Innenleben. Eine poetische und dennoch realistische Auseinandersetzung mit einem Krankheitsverlauf, die voller Magie steckt.