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Mein Erfahrungsbericht

von Alvin de Guzman

Erfahrungsbericht von Alvin De Guzman

LWL-Pflegezentrum am Apfelbach (01.01.12 – 30.09.12)

Warum hast du dich für ein „freiwilliges soziales Jahr“ entschieden?

Weil ich mich beruflich orientieren wollte und keinerlei Berufserfahrungen besaß, entschloss ich mich ein freiwilliges soziales Jahr zu machen.

Warum ausgerechnet FSJ in der LWL-Klinik Dortmund?

Das Themengebiet der Psychiatrie hatte mich schon zu Schulzeiten interessiert. Jedoch kannte ich die Psychiatrie nur aus Filmen und wollte gerne erfahren, wie es ist da zu arbeiten. Außerdem wollte ich wissen, ob die Menschen wirklich so „verrückt“ sind wie sie oftmals in Medien dargestellt werden.

Wo wurdest du dort eingesetzt?

Das DRK Unna e.V. hatte mir einen Einsatzort im LWL-Pflegezentrum verschafft. Ich habe die Einrichtung zunächst als eine Art Altenheim wahrgenommen, dessen Bewohner psychisch langjährig erkrankte Menschen sind. Die Krankheitsbilder deckten so ziemlich alle Bereiche der Psychiatrie ab. Der Einsatzort liegt auf dem Gelände der LWL-Klinik, funktionierte jedoch als eigenständiges Haus.

Was musstest du da machen?

Ich hab den Kollegen vor Ort mitgeteilt, dass ich gar keine Erfahrungen habe und fing zunächst an „Küchenarbeiten“ zu machen. Also Tische decken, Essenswagen ausräumen, Essen anreichen bzw. mundgerecht schneiden und natürlich die Spülmaschine ein- und ausräumen. Zudem  habe ich Pflegewagen, sowie das Lager aufgefüllt und auch die klassischen Botengänge gemacht, d.h. Post abholen oder wegbringen und für die Bewohner Kleinigkeiten in dem klinikinternen Kiosk einzukaufen,  wie Zigaretten oder mal ne Tüte Bonbons. Bei den Botengängen habe ich nicht nur das Haus selbst, sondern auch das Gelände und die Klinik als ganzes schnell kennen gelernt.

Also warst du ein „Mädchen für alles“?

Fast. Aber das fand ich nicht schlimm, weil ich so nahezu alle Abläufe kannte und fit war. Die Kollegen sahen mich auch nicht mehr als Praktikanten an, vielmehr als Kollegen der mit ihnen arbeitet. Nach ungefähr fünf Wochen habe ich meine Stationsleitung gefragt, ob ich nicht auch in der „Pflege“ arbeiten könne. Da ich während meiner vorherigen Tätigkeiten die Bewohner bereits kennen gelernt habe, hat mir das Team diese Aufgabe zugetraut und ich wurde anfangs  von einer Pflegekraft morgens begleitet. Am Anfang habe ich nur einen Bewohner beim Duschen unterstützt, später war ich in der Lage, mit den Kollegen den jeweiligen Wohnbereich morgens zu versorgen. Bald  konnte ich auch eigenständig bei Bewohnern die Pflege durchführen,  also mal den Rücken  waschen oder einfach nur dabei  sein, damit die Bewohner nicht stürzten. Aber ich konnte auch mal mit den Bewohnern spazieren gehen oder auch Brettspiele spielen. Das war besonders schön, weil man da auch auf andere Themen zu sprechen kam, als nur auf die Erkrankung.

Hast du keinen Ekel verspürt?

Es geht. Natürlich wird man mit Gerüchen konfrontiert, die man höchstens von sich selbst kennt, aber irgendwie hab ich da schnell Zugang gefunden und auch keine Schwierigkeiten gehabt Bewohner anzufassen. Im Gegenteil, gerade in solchen Momenten konnte ich die Menschen noch besser kennen lernen und gelegentlich war es auch mal witzig im Bad beim Duschen ein paar Witze mit manchen Bewohnern auszutauschen.

Witze? Waren die nicht verrückt?

Schnell habe ich den Ausdruck des „verrückt seins“ aufgegeben. Immer mehr habe ich die dortigen Bewohner als Menschen wahrgenommen, denen es zeitweise nicht gut ging und ihre Erkrankung zum Vorschein kam. Das äußerte sich in Geschreie, manchmal aber auch aggressivem Verhalten Mitbewohnern oder dem Personal gegenüber. Außerhalb dieser Krisen hatten diese Menschen aber die gleichen Bedürfnisse wie „normale“ und interessierten sich auch für die gleichen Dinge wie „normale“ Menschen.  Also nein, sie waren nicht verrückt, sondern krank.

Welche Krankheitsbilder hast du kennen gelernt?

Ehrlich gesagt habe ich mich während meiner ganzen Zeit dort nicht so wirklich mit den Krankheitsbildern beschäftigt, weil mir oftmals der Kontakt mit den Menschen wichtiger war.

Bei Fragen hatte ich die Möglichkeit jederzeit meine Kollegen zu fragen oder im Dokumentationssystem am Computer nachzulesen.

Da waren dann so Begriffe wie „Demenz“ oder „Schizophrenie“. Unter dem ersten Begriff wusste ich bereits vorher, dass es sich um eine Krankheit handelte, wo Menschen fortschreitend Dinge vergaßen. Das kannte ich von meinem Großvater auch. Schizophrenie war da ein Begriff, den ich zwar schon gehört hatte, aber unter dem ich anfangs nichts verstand. Eine Kollegin erklärte mir, dass diese Erkrankten sich häufig misstrauisch im Kontakt verhielten und zeitweise ein „skurriles“ Verhalten zeigten. Ich glaube das ist schwer dies hier in wenigen Worten zu beschreiben.

Ansonsten hatte ich auch Bewohner kennen gelernt, die in der Vergangenheit Alkohol und/oder illegale Drogen konsumiert haben. Da haben sich mir auch die körperlichen Nachwirkungen im Alter gezeigt, an die man als Laie vielleicht nicht als erstes denkt. Da bleibt wahrscheinlich eher der Begriff des „Junkies“ im Kopf. Die bekamen vor Ort einen Suchtmittelersatz von den examinierten Kollegen.

Was nimmst du aus dieser Zeit mit?

Ich glaube das hier aufzuzählen sprengt den Rahmen. Hängen geblieben ist natürlich die Art und Weise auf Menschen zuzugehen, unabhängig ob Bewohner oder Kollege und der Umgang mit ihnen. Aber auch welche Erwartungen dort an mich selbst gestellt wurden. Außerdem habe ich Arbeitsabläufe verinnerlichen können und wie man Menschen pflegerisch versorgt, sowie in ihrer Erkrankung begleitet. Besonders hängen geblieben ist das eigenständige Arbeiten. Wenn man erst in der Lage ist, unabhängig seine Aufgaben zu erledigen, schafft das nicht nur Selbstvertrauen, sondern auch das Gefühl „richtig zu arbeiten“.

Wie ging es damals weiter?

Die Zeit während des FSJ‘s hat mir echt viel Spaß gemacht, so dass ich mich für eine Berufsausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger an der LWL-Akademie Dortmund entschied.

 

Würdest du ein FSJ in der LWL-Klinik Dortmund weiterempfehlen?

Auf jeden Fall. Einfach weil man so viel für sich selbst lernen kann, aber auch fürs Leben. Ich denke hier kann  man Erfahrungen sammeln, die viele Einrichtungen oder Branchen einem nicht geben können. Zudem war es unheimlich hilfreich für meine weitere Berufsausbildung. Wo andere anfangs Schwierigkeiten mit der Grundversorgung der Patienten hatten, war ich bereits fit und konnte mein Ding durchziehen.