Die Soziotherapie

Zum Behandlungsspektrum von Kindern und Jugendlichen gehört in unserer Klinik das Modul der Soziotherapie. Wir verstehen hierunter inhaltlich Elemente der sozialen Therapie und grenzen diesen Behandlungsbereich gegenüber der kassenärztlichen Leistung von Soziotherapie nach § 37 a in Verbindung mit § 92 SGB V ab. Die Soziotherapie – Richtlinien der Krankenkassen und kassenärztlichen Bundesvereinigung (2002) umfassen vorwiegend ambulante medizinisch-psychiatrische Behandlungs-maßnahmen für erwachsene Patienten mit schweren psychiatrischen Erkrankungen.

Unter Soziotherapie wird in unserer Kinder- und Jugendklinik die therapeutische Grundhaltung, Entwicklungsbegleitung und pädagogische Betreuung verstanden, die sich auf jeder Station an dem jeweiligen Alter und dem spezifischen Störungsbild eines Kindes oder Jugendlichen orientiert. Der Förder- und Orientierungsanteil regelhafter Tagesabläufe einer Kinderstation unterscheidet sich demnach grundlegend gegenüber einer Jugendlichenstation. (z.B. Hygiene. Ruhezeiten, Auswahl der Bekleidung, lebens-praktische Kompetenzen).

Schwerpunkte und besondere Zielbereiche sind fest verankert in den jeweiligen Stationskonzepten, die Anteile aller beteiligten Fachdisziplinen integrieren, wobei ein Schnittstellenschwerpunkt der Soziotherapie zufällt. Sämtliche an der Therapie beteiligten Funktionsdienste übernehmen soziotherapeutische Anteile, jedoch ist der Pflege- und Erziehungsdienst die Mitarbeitergruppe, die den zeitlich längsten und intensivsten Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen pflegt und durch Bezugsbetreuung notwendige Orientierung, emotionale Sicherheit, Akzeptanz und Wertschätzung gewährleistet.

Unterstützt wird diese herausragende Aufgabe durch vielfältige ex- und interne Fort- und Weiterbildungen, kontinuierliche Supervision und interdisziplinäre Teamarbeit.Kinder und Jugendliche werden mit Entwicklungsaufgaben zu Hause und in der Gesellschaft (Schule, Ausbildung, Öffentlichkeit) konfrontiert, die nur mit kompetenten sozialen Handlungs-weisen bewältigt werden können.

Viele Fachleute sind in diesem Zusammenhang der Meinung, dass an das Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen heute mehr Anforderungen gestellt werden als zu irgendeiner vergleichbaren anderen Zeit aufgrund deutlich veränderter Familienstrukturen, Schul- und Ausbildungsansprüchen, Perspektiveängsten und Medienvielfalt ohne sichere Begrenzungen.

Norm- und Wertvorstellungen verändern sich, Orientierung wird erschwert, verlässliche Beziehungsqualitäten leiden häufig. Der Spielball der Verantwortung für soziale Erziehung wird hin- und hergeworfen zwischen Elternhaus, Schule, Jugendämtern, Ausbildungsstätten und Öffentlichkeit, was letztlich Kinder und Jugendliche verunsichert, Auffälligkeiten hervorruft sowie Defizite in Zielen der Sozialerziehung u.a. wie Empathie, Kooperation, Verantwortung, soziale Sensibilität, Frustrationstoleranz, Selbst- und Mitbestimmung, Kritikfähigkeit, ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz aufdeckt.

Mitarbeiter auf den Stationen unserer Klinik setzen sich mit derartigen Problembereichen auseinander und müssen zunächst Grundvoraussetzungen in der Beziehungsgestaltung schaffen, um psychotherapeutisches Handeln und eine entwicklungsunterstützende Ressourcensuche zu ermöglichen.

Am Beispiel einer offenen Jugendlichenstation (21 B II –„Neue Wege“) wird kurz im folgenden skizziert, welche konkreten soziotherapeutischen Ansätze den Jugendlichen angeboten werden, um „alte Verhaltensweisen“ mit Distanz zu reflektieren und „neue Wege“ auszuprobieren.

Ein besonderer Behandlungsschwerpunkt dieser Station ist der Problembereich dissozialen Verhaltens mit Störungen im Sozialverhalten, aber auch Auffälligkeiten im emotionalen Bereich mit Ängstlichkeit, depressiven und dysphorischen Phasen, nicht selten verbunden mit suizidalen Gedanken und Impulsen sowie ausgeprägter Selbstwertprobleme.

In der Regel sind unterschiedliche Lebensbereiche betroffen, wobei neben dem häuslichen Milieu fast immer auch die Schule eingebunden ist mit Leistungseinbußen, Beziehungsschwierigkeiten zu Lehrern und Mitschülern sowie unregelmäßigem Schulbesuch.

Soziotherapie gilt hierbei als eine komplementär unverzichtbare Behandlungseinheit, die sowohl diagnostisch prozessbegleitend als auch therapeutisch im Verständnis und in der Veränderung des Störungsbildes ihre Beiträge liefert. So stehen während der Therapie Verhaltensmuster im Vordergrund, die Jugendliche in kritischen Situationen anwenden, aber auch normale Lebensabläufe betreffen, denen jeder Mensch ausgesetzt ist und deren Bewältigung eine Entwicklungsaufgabe ausmacht.

Konkret verstehen wir hierunter Reaktionen und Verhaltensmodelle u.a. bei folgenden Situationen und Persönlichkeitsmerkmalen:

  • Einfordern und Durchsetzen von Rechten
  • Abgrenzungsfähigkeit gegenüber negativen Modellen (Drogen, Alkohol)
  • Sensation-behavior
  • Bedürfnisversagung, aufschieben und auch verschieben von Wünschen
  • Reaktionen auf frustrierende Situationen
  • Verhalten bei Streit- und Konfliktsituationen
  • Emotionsregulation, Umgang mit Ärger, Wut, Enttäuschung u.ä.
  • Impulskontrolle und Affektverhalten
  • Steuerung von Aggressionen, Kanalisierung und Abfuhr
  • Gebrauch der Sprache als Konfliktlösungsversuch
  • Umgang mit Verhaltenskorrekturen, Distanz zum eigenen Verhalten
  • Kritikfähigkeit- und Kritikempfindlichkeit
  • Akzeptanz und Umgang mit Konsequenzen bei Fehlverhalten
  • Soziale Sensibilität gegenüber anderen
  • Formen von Kooperation
  • Kompetenz sozialer Kategorien wie Empathie und Verantwortung
  • Nähe und Distanz im Kontaktverhalten (Mädchen-Jungen)
  • Regelakzeptanz alleine und in Gruppen

Ziel therapeutischer Bemühungen ist ein kontrolliertes Verhalten mit angemessenen sozialen Kontakten sowie verbesserte kommunikative Fähigkeiten mit Stärkung des Verstehens und Erkennens der Motive anderer Sozialpartner (Entcodierung komplexer Situationen).

Häufig bestanden vor Aufnahme Missverständnisse bei Kontakten und in Beziehungen mit Eltern, Geschwistern, Freunde und Lehrern, die Konflikte und Auseinandersetzungen provozierten. Feindliche Motive und Absichten wurden möglicherweise unterstellt, da man Körper- und Raumsprache sowie nonverbale Regeln nicht kannte. Diese Schwächen sollen ausgeglichen werden, um Beziehungen entspannter zu gestalten und Probleme besser lösen zu können.

Zum anderen bestehen bei diesen Jugendlichen Selbstwertprobleme, niedrige Stresstoleranz mit hohem Erregungsniveau und schwacher Affektkontrolle sowie ein (noch) geringes Verhaltensrepertoire, um unangenehme Situationen ertragen zu können.

Mit zahlreichen installierten Stationsabläufen und speziellen Trainingsprogrammen werden auf der Station 21 B II soziale Fertigkeiten und Fähigkeiten geübt und trainiert, besprochen und reflektiert in Gruppen sowie in Belastungssituationen einer Realitätsprüfung unterzogen.

Beispielhaft bieten wir Maßnahmen unter diesem Blickwinkel den Jugendlichen an:

  • Tägliche Reflektionsgruppen unter Bewertung des eigenen Verhaltens, Ablauf des Tages, erkennen auslösender Reize, aufspüren von Alternativverhalten und neuer Lösungsmöglichkeiten
  • Förderung sozialer Fähigkeiten in einem eigenen Gruppenangebot mit Training von sicherem Verhalten, angemessener Durchsetzung eigener Rechte und Darstellung von Bedürfnissen.
  • In einem (gesonderten) Selbstbehauptungstraining werden Selbstsicherheit, Selbstvertrauen, Einschätzung problematischer Situationen und deren Lösung sowie Abgrenzung und Darstellung eigener Grenzen geübt.
  • Innere Achtsamkeit, Verständnis für Gefühle, Kommunikationsübungen, Informationen und Bewältigungsmöglichleiten stressvoller Situationen sind Ziele eines angebotenen Anti-Stress-Training, das wesentliche Elemente der Diaklektisch-Behavioralen Therapie (DBT) enthält
  • Eine fest installierte Organisationsgruppe unter Moderation eines gewählten Jugendlichen entscheidet selbstverantwortlich und unter Wahrung demokratischer Regeln nach Aussprache in der Gesamtgruppe über Aktivitäten, überprüft stationsinterne Regelungen auf Effektivität und verteilt Aufgaben in der Gemeinschaft.
  • Neben einem individuell abgestimmten Behandlungskonzept wird für und mit jedem Jugendlichen eine Pflege- und Erziehungsplanung erarbeitet. Gemeinsam sind hierin soziotherapeutische Elemente als integrale Bestandteile enthalten.

Auf allen Stationen wird die konzeptionelle Arbeit im Rahmen von Soziotherapie als ein dynamischer und offener Prozess verstanden, der Entwicklungen Raum lässt, störungsspezifisch wirken soll und Berührungspunkte unterschiedlicher Fachdisziplinen als Chance begreift zur Bewältigung von Behandlungsaufgaben für Kinder und Jugendliche.