Kunsttherapie

Hand aufs Herz: Wissen Sie, was Kunsttherapie ist?

Welche Gedanken mögen einem Patienten durch den Kopf gehen, der zu einer Kunsttherapie eingeladen wird? Denkt er: "Kunst?! Ich kann doch gar nicht malen!" oder: "Vielleicht können mir die Therapeuten aufgrund einiger Striche, die ich mache oder auch nicht mache bis auf den Grund meiner Seele schauen?". Unsicherheit im Umgang mit der Kunsttherapie fand ich auch bei neuen Kollegen, wenn diese nur eine vage Vorstellung davon zu haben schienen. Es entspannt sich beispielsweise folgender Dialog: "Gut, daß ich Sie treffe. Ich habe da jemanden für Sie. Der benötigt dringend Beschäftigung - (mich Hilfe suchend musternd) - Mal ... äh Kunsttherapie (erleichtert und etwas verlegen lächelnd). Gefragt nach der Diagnose und der Indikation: "Tja, er bleibt noch etwa vier Wochen und er langweilt sich so schrecklich... Bei solchen Gelegenheiten wird deutlich, wie erklärungsbedürftig die Kunsttherapie ist. Es geht nicht darum, jemanden zu beschäftigen, der sich langweilt. Es geht auch nicht darum möglichst schöne Bilder zu malen.

Es geht um die Arbeit eines jeden einzelnen an und mit sich selbst. Mir sind schon bildnerische Ausdrucksformen begegnet, aus denen der "Schrei der Seele" deutlicher spricht, als der Patient es je in Worte hätte fassen können. Wie oft liegt das Unaussprechliche, Undefinierbare, die ganze Angst und Verzweiflung in den Bildern der Patienten. Plötzlich werden dann Ursachen und Zusammenhänge offenbar - auch dem Patienten selbst. Manchmal wird ein Patient durch die Konfrontation mit seinem "chaotischen Bild" so erschreckt, daß er anschließend sein Bild sofort zerstören möchte. Im Gegensatz zu anderen Therapieformen bewegt sich Kunsttherapie im nonverbalen Bereich und ist so als Ergänzung zu nutzen. Daneben bietet die Kunsttherapie einen lebendigen, dynamischen Prozeß zur Besserung oder Stabilisierung bei psychischen Krankheiten. Die Arbeit des Kunsttherapeuten beginnt mit der Anforderung der Therapie durch eine schriftliche, ärztliche Verordnung. Neben den üblichen Daten und Informationen über die medizinische Versorgung, enthält diese auch eine im Stationsteam mit dem zuständigen Psychologen und Arzt erarbeitete erste Zielvorstellung für die kunsttherapeutische Behandlung. Alle verfügbaren Informationen und Anhaltspunkte, die aus der Krankengeschichte und aus der Stationsakte hervorgehen, werden studiert. Aufgrund dieser Informationen entwickelt der Kunsttherapeut ein erstes Rahmenkonzept.

Während des ersten Gespräches wird der Patient von Seiten des Kunsttherapeuten aufgeklärt, worum es sich in der Kunsttherapie eigentlich handelt, um mögliche Vorurteile und ängstliche Erwartungen abzubauen. Ich lege in diesem Gespräch besonders Wert darauf, dem Patienten Vertrauen zu vermitteln. Ich mache deutlich, daß ich nicht den "Zauberstab" nehme, um ihn von außen "gesund zu zaubern", sondern daß es der Patient selbst ist, der an seinem Heilungsprozeß aktiv wirkt. Die Kunsttherapie wird ihn auf diesem Weg stärken. Nicht ein aufgezwungenes, sondern sein individuelles Ziel soll erarbeitet werden. Er soll in die Lage versetzt werden, "freihändig" zu gehen , sich selbst zu helfen, sich zu orientieren. Nicht die Abhängigkeit vom Therapeuten, sondern ein selbständiges, freies Leben in der Gesellschaft soll erreicht werden. Grundvoraussetzung für die Arbeit in der Kunsttherapie ist die Bereitschaft und der Wille des Patienten zur Mitarbeit. Deshalb ist die Motivation auch ein Bestandteil der Arbeit des Kunsttherapeuten.

Besonders psychisch kranke Menschen müssen immer wieder motiviert werden. Hat der Patient diese Therapieform für sich angenommen, hält er ein wichtiges Werkzeug zur Bewältigung seiner Probleme in der Hand. Im Laufe des gestalterischen Prozesses wird ihm klar, daß die Aussage wichtiger ist als technisch vollkommene Darstellung. Es geschieht oft, daß nun der Patient - beeinflußt von dem, was ihm auf dem Papier gegenübersteht - ein Gefühl in sich aufsteigen fühlt, allein nicht weitergehen zu können. Der Kunsttherapeut kann nun helfend eingreifen, indem er das Bild entschlüsseln hilft und behutsam Lösungswege vorschlägt. Manchmal kommen auf diese Weise Depression oder Selbstmordgefährdung deutlicher zum Vorschein als in anderen Therapien. Der schmale Grad zwischen Leben und Tod, zwischen Sinn und Sinnlosigkeit, das Hin- und Hergerissensein zwischen Handeln und Resignation wird offenbar. In der gemeinsamen Arbeit mit dem Material können Strategien und Perspektiven gefunden werden. In kleinen und kleinsten Schritten wird der Patient oder die Patientin die eigenen, oft verschütteten seelischen Kräfte mobilisieren, sie reanimieren und stärken. Zukünftig kann er sich dann auch in Kriesensituationen auf eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten verlassen. Erarbeitete Bewältigungsstrategien und das neu erworbene "Werkzeug" des in der Kunsttherapie erworbenen nichtsprachlichen Mediums werden ihn dabei unterstützen. Kunsttherapie ist eines der vielen wichtigen Werkzeuge in der psychiatrischen Behandlung. Sie ist eine individuelle, auf den jeweiligen Menschen abgestimmte Therapie. Ziel, Weg, Technik, Ansatz und Therapieverlauf sind so mannigfaltig, wie die Menschen, die diese Therapie annehmen.

Eva - Maria Nüse
Dipl. Kunsttherapeutin

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