Projekt zur Früherkennung psychischer Störungen im Vorschulalter

Modellprojekt der LWL Klinik Marsberg KJP

Kurzbeschreibung

Ziel ist die Früherkennung und Frühdiagnostik von Kindern mit kinderpsychiatrischen Auffälligkeiten, um erforderliche Behandlungsschritte und psychosoziale Weichenstellungen so früh wie möglich einleiten zu können, und damit im schulischen Kontext auftretenden Leistungs- und sozialen Problemen vorzubeugen, bevor sie überhaupt eintreten. In Zusammenarbeit zwischen den schulärztlichen Diensten dreier Landkreise und der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Marsberg mit ihren vier Ambulanzen werden Kinder, die in der Schuleingangsuntersuchung als möglicherweise auffällig identifiziert worden waren, standardisiert weiter untersucht. Zielgruppe sind in den Schuleingangsuntersuchungen der Landkreise HSK, Höxter und Pader-born als potentiell auffällig eingeschätzte Kinder vor der Einschulung im Alter von 5 bis 6 Jahren.


Hintergründe zu dem Projekt

Bezug nehmend auf die Kiggs-Studie, die von 2003 bis 2006 durchgeführt wurde und in der eine repräsentative Datenerhebung zu dem Gesundheitszustand in Deutschland lebender Kinder und Jugendlicher erbracht wurde, ergab sich ein Handlungsbedarf für die präventive Arbeit bei psychischen Störungen. Laut Kiggs sind etwa 5,3% der Kinder im Alter von 3-6 Jahren bereits auffällig bei der Befragung nach psychischen Störungen. 8% sind als grenzwertig eingestuft. Bedeutet also, dass rund 13% der Kinder im Alter von 3-6 Jahren als von einer psychischen Störung bedroht gelten können. Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter haben nicht nur für die Kinder und Jugendlichen selbst schwerwiegende Konsequenzen, auch ist das soziale Umfeld (also Familie, Freunde, Schule) meist stark davon belastet. Ein frühes Eingreifen in Form von Prävention soll ermöglichen, dass die Gefahr nachteiliger Folgen psychischer Störungen, nachhaltig auch für das Jugendalter, gemindert werden.

Vor allem bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS handelt es sich um eine im Kindesalter beginnende, meist genetisch bedingte Funktions-störung des Gehirns, deren Schweregrad durch psychosoziale und gesellschaftliche Faktoren besonders stark beeinflusst wird. Auch Störungen des Sozialverhaltens manifestieren sich oft frühzeitig und wirken sich negativ auf den weiteren Werdegang von Kindern aus.

Eine frühzeitige Behandlung von körperlichen, geistigen und seelischen Störungen, unter die auch eine ADHS Erkrankung fällt, ist unumstritten die wirksamste Methode, eine spätere Behinderung oder Lebensbeeinträchtigung für das betroffene Kind möglichst gering zu halten oder gar abzuwenden.

Die Schuleingangsuntersuchung bietet sich hierbei hervorragend an, da dort alle Kinder im Alter zwischen 5 und 6 Jahren einmal gesehen werden. Durch das flächendeckende Screening können viele verhaltensauffällige Kinder schon frühzeitig erkannt werden, bevor es überhaupt zu schwerwiegenden bzw. einschneidenden Problemlagen gekommen ist.

Eine Therapie muss nach entsprechender Diagnostik multimodal und unter Einbeziehung medizinischer, psychologischer als auch pädagogischer Aspekte angelegt sein und erfordert ein stabiles und professionell ausgerichtetes Helfernetzwerk. Eine gute Zusammenarbeit und Netzwerkarbeit zwischen verschiedenen Professionen ist gefordert, bei der die Hilfen an den Ressourcen und Möglichkeiten der betroffenen Familien anknüpfen sollten. Dabei ist auch zu beachten, dass bei Kindern mit ADHS nicht selten ein Elternteil selbst ebenfalls von der Störung betroffen ist und häufig eigene Schwächen der Selbstorganisation aufweist.

Durch die Gründung des Kompetenznetzwerkes ist nicht nur eine gute Kooperation und Kommunikation von Ärzten und Psychotherapeuten ermöglicht worden, sondern auch die Vernetzung zu anderen Fachleuten aus dem Bereich Pädagogik und Ergotherapie wurde ermöglicht, so dass verschiedene Hilfsmöglichkeiten schnell und unkompliziert vermittelt werden können.

Zielsetzung

Übergeordnetes Ziel des Projektes ist es, eine praktikable Prävention kinderpsychiatrischer Auffälligkeiten vor der Einschulung zu entwickeln. Kinder mit Auffälligkeiten und Risikofaktoren für die weitere psychosoziale Entwicklung sollen die Chance frühzeitiger Erkennung und Behandlung erhalten.

Die im Rahmen der flächendeckenden Schuleingangsuntersuchung (erste Screenings- bzw. Untersuchungsstufe) als potentiell risikobelastet eingestuften Kinder sollen in einer zweiten Screeningstufe eine effektive standardisierte Diagnostik und in einem dritten Schritt ggfs. auch vertiefende Diagnostik und Behandlung sowie in Zusammenarbeit mit dem regionalen ADHS-Netzwerk weitere geeignete psychosoziale Weichenstellungen erfahren. Damit sollen psychische Störungen und schwierige Persönlichkeitsentwicklungen bereits im Ansatz erkannt und möglichst im Vorfeld chronifizierender Entwicklungen abgewendet werden, zum Beispiel durch Aufklärung und psychoedukative Elternarbeit, Gruppentrainings, Konzentrationstrainings, soziale Kompetenztrainings, die in vernetzten lokalen Kompetenzteams angeboten werden, an denen Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Beratungsstellen, Schulsozialarbeiter, niedergelassene Fachtherapeuten (Ergotherapeuten, Heilpädagogen, Logopäden etc.) sowie Lehrer mitwirken.

Zielgruppe

Das Projekt richtet sich an Vorschulkinder im Alter von 5-6 Jahren aus den drei Versorgungslandkreisen der Kooperationsklinik (Hochsauerlandkreis, Höxter, Paderborn), die im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung Hinweise auf psychische Störungen oder Probleme gezeigt haben und deren Eltern eine empfohlene weitere Abklärung bezüglich des Verdachtes des Schularztes wünschen, ohne dass bereits eine Störung definitiv festgestellt worden wäre. Kinder, die in diesem Alter Auffälligkeiten im Verhalten aufweisen sind einem erhöhten Entwicklungs- Sozialisations- und Erkrankungsrisiko ausgesetzt.

 

Ablauf der Maßnahmen

1. Screeningstufe

Den Eltern wird im Zuge der Schuleingangsuntersuchung ein SDQ-Elternfragebogen (Strength and Difficulties Questionaires) ausgehändigt, mit der Bitte diesen auszufüllen. Es werden hierbei nur Auszüge der normalerweise 25 Items verwendet. Im ersten Modelljahr 07\08 5 Items aus dem Bereich “Hyperaktivität und Aufmerksamkeit“. Im zweiten Modelljahr wurde der SDQ Bogen durch weitere 5 Items aus dem Bereich “Störung des Sozialverhaltens“ ergänzt.

Mit den Kindern wird ein kurzer Aufmerksamkeitstest durchgeführt. Am Ende der Schuleingangsuntersuchung füllt der Arzt den VEWU-Bogen (Verhaltensbeobachtung während der Untersuchung) aus. Auf der Grundlage dieser beiden Bögen entscheidet der Arzt, ob die Eltern eine Empfehlung erhalten, ihr Kind in einer der Ambulanzen vorzustellen oder nicht.

Die Eltern auffällig eingestufter Kinder haben nun selbst auch die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie die Option der zweiten Screeningstufe annehmen oder nicht. Die Durchführung der zweiten Screeningstufe erfolgt in einer der vier Ambulanzen der LWL-Klinik Marsberg.

 

2. Screeningstufe

Bei der zweiten Screeningstufe wird mit den Eltern zunächst ein Anamnesegespräch durchgeführt, in dem die Entwicklung des Kindes von der Schwangerschaft an eruiert wird. Darauf folgend werden die Kinder mit einem in der Entwicklung befindlichen „Aktometer“ getestet, einem computergestützten Testverfahren, welcher die Aufmerksamkeitsleistung und die Bewegung der Kinder misst. In dieser Zeit werden die Eltern gebeten den CBCL/4-18 (Child Behavior Checklist) auszufüllen. Dieser Fragebogen besteht aus 113 Items, die Fragen nach sozialem Rückzug, körperlichen Beschwerden, ängstlichem/ depressivem Verhalten, sozialen Problemen, schizoidem/ zwanghaftem Verhalten, Aufmerksamkeitsproblemen, dissozialem Verhalten und aggressivem Verhalten aufgreift. In einem anschließend folgenden Beratungsgespräch mit dem Oberarzt der Ambulanz, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, werden die Informationen aus dem Anamnesegespräch und der Auswertung des CBCLs zu-sammengeführt. Zudem führt der Oberarzt mit den Eltern ein strukturiertes Interwiev (Snap-IV, Fragebogen zur Abklärung einer ADHS nach dem DSM-IV) durch. Erhärtet sich der Verdacht aus der ersten Screeningstufe so werden den Eltern Optionen eröffnet, wie sie ihrem Kind helfen können.

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