Maßregelvollzug

Persönlichkeitsstörung - Verschiedene Krankheitsformen

Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung missachten anhaltend soziale Normen und sind auffallend unbeteiligt gegenüber den Gefühlen anderer. Sie haben eine extrem niedrige Frustrationstoleranz und es fällt ihnen schwer, ihre Impulse zu kontrollieren. Da sie nur vermindert fähig sind, sich emotional in andere Menschen hinein zu versetzen, sind sie kaum in der Lage, emotionale Bindungen zu anderen aufzubauen. Entsprechend haben sie Schwierigkeiten damit, anderen Menschen gegenüber ein Verantwortungsgefühl oder auch Schuldgefühle zu entwickeln.
Fehlendes Verantwortungsgefühl, andauernde Reizbarkeit, eine niedrige Schwelle für aggressives Verhalten und eine herabgesetzte Fähigkeit, aus sozialen Erfahrungen (zum Beispiel negativen Reaktionen auf eigenes Verhalten) zu lernen, kennzeichnen diese Art der Persönlichkeitsstörung.
Meistens zeichnet sich diese Störung des Sozialverhaltens bereits im Jugendalter ab, zum Beispiel in Form von Gewalt gegen Personen und Gegenstände, Schuleschwänzen oder Stehlen und setzt sich im Erwachsenenalter fort. Durch die Therapie lernen die Patienten, die Auslöser für ihr impulsives oder aggressives Verhalten zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Es werden Strategien eingeübt, um mit Kritik, Misserfolgen, Ärger, Wut und auch Lob angemessen umzugehen und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Zusätzlich zu verhaltenstherapeutischen und pädagogischen Maßnahmen kann eine zeitlich begrenzte, unterstützende Behandlung mit Medikamenten eingesetzt werden.

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Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung schützen die schwache Struktur ihrer eigenen Persönlichkeit, indem sie sich selbst durch starke Selbstidealisierung stärken und andere Menschen abwerten. Auf diese Weise kontrollieren sie eigentlich angstbesetzte Beziehungen zu anderen Menschen. Vorhandene Identitätsprobleme mit sich selbst und Störungen in ihren Beziehungen zu anderen bewältigen sie durch Selbstbewunderung. Als Gegengewicht zu ihren Identitäts- und Selbstwertzweifeln halten sie an ihrer Großartigkeit fest. Sie strengen sich aktiv an, ihr idealisiertes Selbstbild zu verwirklichen, und stehen unter ständiger Angst, es könne zusammenbrechen und die Minderwertigkeit und hilflose Bedürftigkeit des schwachen Selbst zutage fördern. Häufig wirken solche Patienten teilweise unreif, insbesondere in ihren Erwartungen an sich und andere und in ihrer Kommunikation mit anderen. Ihre soziale Rolle füllen sie aber dennoch oftmals unauffällig und effizient aus. Die Therapie einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung stützt sich auf spezifische, langfristig angelegte psychotherapeutische Maßnahmen. Diese können durch eine medikamentöse Therapie unterstützt werden. Das Sozialverhalten kann durch eine Verhaltenstherapie trainiert werden.

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Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung

Diese Störung ist gekennzeichnet durch impulsives und die Konsequenzen nicht beachtendes Handeln. Die Fähigkeit vorauszuplanen ist gering, kleine Anlässe rufen häufig völlig überzogene oder unangemessene Reaktionen hervor. Die häufigste Form einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung ist die Borderline-Störung. Dabei handelt es sich um ein vielschichtiges Krankheitsbild, das sich in einem extrem instabilen Verhalten der Patienten gegenüber sich selbst und ihrer Umwelt zeigt: Borderline-Patienten spalten Ganzheitliches in einzelne Bestandteile: Selbstbilder und Bilder anderer Personen werden eingeteilt in "nur gute" und "nur böse" Anteile. Dabei werden die negativen Anteile durch Projektion auf jemanden oder etwas nach außen verlagert. Den Menschen, den sie in einen Moment idealisieren, verdammen und entwerten sie im nächsten. Ihre Stimmung schwankt extrem. Für andere ist das kaum berechenbar. Das Verhalten dieser Patienten wirkt häufig unreif oder erinnert an kindliche Verhaltensmuster. Häufig zeigt sich auch eine ausgeprägte Unfähigkeit, Kritik oder Kränkungen, Frustration und Belastung auszuhalten und zu verarbeiten. Dies führt zu einer unerträglichen Spannung und Erregung, die durch Gegenmaßnahmen erleichtert werden muss, wie zum Beispiel durch Umherlaufen, sexuelle Handlungen oder auch Selbstverletzung. Borderline-Patienten neigen auch zu selbstschädigenden Handlungen wie Drogen- oder Nikotinmissbrauch oder zu psychosozialen Selbstschädigungen wie ruinösem Glücksspiel. Die schwierige Therapie einer Borderline-Störung erfordert eine langjährige Kombination aus stützender, begleitender Psychotherapie, pädagogischen Arbeit und medikamentöser Behandlung. Durch die Therapie soll die Selbstwahrnehmung und die Einschätzung von anderen Menschen verbessert werden. Die Patienten lernen Strategien zur Regulierung und Kontrolle ihrer Affekte und Impulse und trainieren ihre sozialen Fähigkeiten.

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Störung der Sexualpräferenz

Eine Störung der Sexualpräferenz oder Paraphilie beschreibt ein erheblich vom Durchschnitt der Bevölkerung abweichendes Sexualverhalten. Betroffene Menschen streben sexuelle Erregung auf eine unübliche Art an oder zeigen ein Sexualverhalten, das auf ein unübliches Sexualobjekt gerichtet ist. Beispiele für sexuelle Abweichungen sind Exhibitionismus, Fetischismus, Pädophilie, Voyeurismus oder Sadomasochismus. Die gesellschaftliche Ächtung bestimmter unüblicher Sexualpraktiken ("Perversion!") macht diese noch nicht zum Krankheitssymptom. Die Grenzen zwischen "normaler" und "abweichender" Sexualität sind fließend und zudem dem Wandel von kulturellen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen unterworfen. Krankhafte Züge erhält eine Abweichung erst, wenn der/die Betroffene fast ausschließlich auf Phantasien mit unüblichen sexuellen Inhalten oder unübliche sexuelle Handlungen fixiert ist und wenn diese in suchtähnlicher Weise immer mehr den Lebensablauf bestimmen: Eine echte partnerschaftliche Beziehung ist nicht möglich, der jeweilige Partner wird mit zunehmender Ritualisierung des Sexualverhaltens zum Objekt, dessen eigene Bedürfnisse zweitrangig sind.

Wenn Betroffene aufgrund einer Störung der Sexualpräferenz eine kriminelle Handlung begehen und schließlich zur Therapie und Sicherung im Maßregelvollzug untergebracht werden, muss es sich dabei nicht immer um ein Sexualdelikt handeln. Der wiederholte Diebstahl von Kleidungsstücken und anderen Utensilien, die zur sexuellen Befriedigung dienen, gehört zu den typischen Straftaten, die nicht auf den ersten Blick als sexuell motiviert zu erkennen sind. Ein Sexualdelikt ist im engeren (strafrechtlichen) Sinne eine Handlung gegen die sexuelle Selbstbestimmung des Gegenübers, unabhängig davon, ob sie mit einer sexuell abweichenden Praktik einhergeht oder nicht.

Das Gericht weist den Täter in den Maßregelvollzug ein, wenn als Ursache für den Übergriff eine psychische Störung vorliegt. In einigen Fällen können Sexualstraftaten auf eine Störung der Sexualpräferenz zurückgeführt werden, wie zum Beispiel bei exhibitionistisch oder pädophil motivierten Taten. Bei den meisten Patienten, die aufgrund eines Sexualdeliktes in einer forensischen Klinik untergebracht sind, liegen zusätzlich andere Krankheitsbilder als Ursache vor.

Allerdings wird der überwiegende Teil von Sexualdelikten von schuldfähigen, nicht psychisch kranken Straftätern begangen. Sie verbüßen ihre Strafe im Justizvollzug.

Kern der Behandlung von abweichendem Sexualverhalten im Maßregelvollzug sind Einzel- und Gruppenpsychotherapie. Als Schlüssel zu einer Verhaltensänderung lernen die Patienten in der fortwährenden Auseinandersetzung mit ihrem Delikt, sich in ihr Opfer hinein zu versetzen, eine Situation aus der Perspektive eines anderen Menschen zu betrachten. Ergänzend werden soziotherapeutische Maßnahmen und eventuell eine medikamentöse Behandlung eingesetzt. In der Therapie stärken die Patienten ihre Fähigkeiten zur Selbststeuerung: Sie lernen, "Risikosituationen" zu erkennen und zu meiden und Handlungsalternativen zu entwickeln.

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