Über die Aktenlage hinausgeschaut

Für Praxis-Einblicke geht Hammer OLG-Richter fünf Tage freiwillig hinter Mauern

Jens Peglau, seit fast zehn Jahren Richter am Oberlandesgericht (OLG) Hamm und derzeit Mitglied des 4. Strafsenats, hat fünf Tage in der Wilfried-Rasch-Klinik hospitiert.  Das sagte der 48-jährige Jurist, nachdem er die therapeutische Praxis auf den Wohngruppen kennengelernt hatte und unter anderem die Ergo- und Arbeitstherapie, den Schulunterricht und die Nachsorgeambulanz besucht hatte.

Herr Peglau, was hat Sie dazu bewogen, als Richter fünf Tage in die Dortmunder LWL-Klinik für forensische Psychiatrie hineinzuschnuppern?

Peglau: Als Richter in einem Strafsenat des OLG Hamm bekomme ich nicht selten Beschwerden in Bezug auf die weitere Unterbringung im psychiatrischen Maßregelvollzug auf den Tisch. Für jeden forensischen Patienten wird ja regelmäßig, mindestens einmal im Jahr,  durch die Strafvollstreckungskammern der Landgerichte überprüft, ob die Unterbringung weiter fortgeführt werden soll. Wenn nun eine der beteiligten Seiten mit dem Ergebnis nicht einverstanden ist, kann dagegen Beschwerde eingelegt werden – und die landet dann in einem der Strafsenate beim OLG. Meistens geht eine solche Beschwerde von einem Patienten aus, der mit der angeordneten Fortführung seiner Unterbringung nicht einverstanden ist. In diesen Fällen haben die Senate weitreichende Entscheidungen zu treffen, die sowohl dem Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit als auch den Interessen der Untergebrachten Rechnung tragen müssen. Ich wollte besser verstehen, wie die Behandlung im Maßregelvollzug funktioniert und was das für die Patienten bedeutet, natürlich unabhängig von konkreten Fällen, um durch dieses Hintergrundwissen künftige Entscheidungen noch optimieren zu können.

 

Sie haben zum ersten Mal in einer forensischen Klinik hospitiert. Wie haben Sie die Therapie in der Dortmunder LWL-Forensik erlebt?

Peglau: Ich bin in der Dortmunder Forensik sehr offen aufgenommen worden. An der Seite der Stationsärzte habe ich unter anderem an Visiten, Patientengesprächen und Teamsitzungen teilgenommen. Dabei ist mir klar geworden, wie langfristig so eine Behandlung häufig angelegt werden muss und in welch kleinen Schritten Therapie-Erfolge erarbeitet werden. Wenn man nur die Aktenlage kennt, wundert man sich als therapeutischer Laie ja durchaus schon mal, warum sich in einem Jahr vermeintlich so wenig verändert hat. Durch die Einblicke in die therapeutischen Hintergründe habe ich gesehen: Dahinter steckt kein böser Wille oder Nachlässigkeit – weder von dem jeweiligen Patienten, noch von seinen Behandlern – sondern häufig ein sehr komplexes Krankheitsbild und die Behandlung braucht eben Zeit.

 

Gab es überraschende Erkenntnisse, die Sie für Ihre Arbeit mitnehmen?

Peglau: Mich hat überrascht, dass  viele von den Patienten, die ich erlebt habe, die Therapie in der Wilfried-Rasch-Klinik als förderliche Hilfestellung begreifen, damit sie langfristig in ihrem Leben wieder Fuß fassen können. Mit solchen Aussagen habe ich nicht gerechnet, weil  die Patienten ja nicht freiwillig im Maßregelvollzug sind, sondern zwangsweise vom Gericht untergebracht werden.  Die therapeutische Arbeit im Maßregelvollzug ist insgesamt für mich plastischer, anschaulicher geworden – und als nützliche Nebenerscheinung kann ich künftig die fachsprachlichen Ausführungen in den psychiatrischen Schriftstücken viel leichter nachvollziehen.