Sie begrüßten die Angehörigen in der Wilfried-Rasch-Klinik: Die Ärztliche Direktorin Ute Franz (Mitte) mit den beiden Organisatorinnen des Angehörigentages Tanja Hager (l.) und Claudia Höfermann sowie Vertretern der Pflegedienstleitung (v.l.) Marco Schober, Robert Iber und Sören Reinke.

Wie lebt mein Sohn in der Forensik?

August 2015: 40 Angehörige besichtigen die Klinik beim Angehörigentag - Kontakt ist wichtige Stütze für Patienten

„Normalerweise sehe ich zuerst die Mauer, dann kommt die Eingangskontrolle und dann sitze ich mit meinem Sohn in einem kleinen Besucherraum – sein Zimmer hier in der Forensik habe ich heute zum ersten Mal gesehen“, sagt Angelika Möllmann*. Sie ist die Mutter eines Patienten der Dortmunder LWL-Klinik für forensische Psychiatrie. Zusammen mit rund 40 anderen Angehörigen hat sie Mitta August den Angehörigentag der Wilfried-Rasch-Klinik genutzt, um zu sehen, wie ihr Sohn seit seiner gerichtlichen Einweisung in den Maßregelvollzug lebt.

„Wir bemühen uns nach Kräften, den Kontakt der Patienten zu ihren Angehörigen zu unterstützen“, sagt die Ärztliche Direktorin Ute Franz. Im Idealfall seien engagierte Angehörige für die Patienten eine wichtige Stütze während des Therapieprozesses und nach einer Entlassung. „Jedoch“, so Franz weiter, „im Alltag sind die Besuche von Angehörigen aus Sicherheitsgründen vielen formalen Einschränkungen und Kontrollen unterworfen und auf bestimmte Besuchsräume beschränkt.“Auch vom Patientenrat sei der Wunsch gekommen, den Angehörigen mehr Einblicke in das Innere von Wohngruppen und Therapieräumen zu ermöglichen. „Daraufhin haben wir dann den Angehörigentag aus der Taufe gehoben“, erzählt Franz. Dieses Jahr findet er zum zweiten Mal statt.

Sonnenblumen und gelbe Tischtücher schmücken die langen Tischreihen in der Cafeteria der Wilfried-Rasch-Klinik. Die Patienten haben Kuchen und Torten gebacken, Gemurmel erfüllt den Raum. Nachdem die Angehörigen in Gruppen die Klinik besichtigt haben, sitzen sie hier noch mit Patienten und Personal zusammen. Angelika Möllmann ist positiv überrascht: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Zimmer und die ganze Station so wohnlich eingerichtet sind“, sagt sie. Im Kontrast dazu äußert sie sich ein wenig erschreckt über die schweren Sicherheitstüren vor den Patientenzimmern: „Das war eher wie Gefängnis!“ Gut gefallen habe ihr, dass ihr Sohn so viele sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten habe, von der Arbeitstherapie über Schule bis hin zu Sport und Selbstversorgung beim Kochen und Putzen.

Gemeinsam mit dem Bruder des Patienten und dessen Freundin ist Möllmann zum Angehörigentag angereist. Normalerweise kommen sie im Wechsel alle vier bis sechs Wochen. Soviel Engagement ist nicht selbstverständlich. „Viele unserer Patienten haben schon aufgrund ihrer Krankheitsgeschichte kaum Kontakt zu Angehörigen oder der Kontakt ist über die Jahre der Unterbringung verloren gegangen“, sagt Franz. Erschwerend komme hinzu, dass der jeweilige Bruder, Vater oder Sohn straffällig geworden sei und es für viele Angehörige nicht einfach sei, mit dem Delikt und seinen Folgen umzugehen. Ein Patient sei zum Beispiel nach Jahrzehnten des Schweigens erst am Sterbebett der Mutter seinem Bruder wieder begegnet. „Dieser Bruder hat ihn nun mit seiner Frau beim Angehörigentag zum ersten Mal in der Klinik besucht“, freut sich Franz.

Insgesamt 16 Patienten haben sich beim Angehörigentag über den Besuch von Familienangehörigen oder Freunden gefreut. Angelika Möllmann dagegen möchte zum nächsten Angehörigentag in zwei Jahren am liebsten nicht mehr kommen. Nach fast sieben Jahren im Maßregelvollzug, davon gut zwei in Dortmund, hat ihr Sohn nun Einzelausgang. Damit hat er sich die letzte Bewährungsstufe vor einer möglichen Beurlaubung in eine externe Weiterbetreuung erarbeitet. „Es wäre schön, wenn ich ihn in zwei Jahren schon außerhalb der Forensik besuchen könnte“, hofft sie.