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LWL-Maßregelvollzugsderzernent Tilmann Hollweg

Interview mit LWL-Maßregelvollzugsdezernent Tilmann Hollweg

Herr Hollweg, was bedeutet Maßregelvollzug und was ist der Unterschied zum Strafvollzug, also der Unterbringung in einem Gefängnis?
Tilmann Hollweg: Im Gegensatz zum Strafvollzug kümmert sich der Maßregelvollzug um Rechtsbrecher, die aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer Suchterkrankung eine Straftat begangen haben. Deswegen sprechen wir auch von Patienten und nicht etwa von Gefangenen oder Insassen. Der Maßregelvollzug hat anders als der Strafvollzug nicht nur die Aufgabe, die Gesellschaft vor weiteren Straftaten zu schützen, sondern auch die Straftäter zu bessern – mit therapeutischen Angeboten. Das Ziel ist, die Patienten auf ein straffreies Leben in der Gesellschaft vorzubereiten.

Was sind das für Menschen, die in den Maßregelvollzugskliniken untergebracht sind?
Hollweg: Kriminalität ist „männlich“; nur sechs Prozent der Untergebrachten sind Frauen. Die Patienten in den LWL-Maßregelvollzugskliniken leiden beispielsweise an Psychosen, Persönlichkeitsstörungen oder sind intelligenzgemindert. Etwa jeder Vierte ist Sexualstraftäter – weniger als allgemein angenommen wird.  Andere haben Brandstiftung, Körperverletzung, aber auch Tötungsdelikte begangen. Bei den suchtkranken Patienten führen vor allem Raub und Eigentumsdelikte, Körperverletzungen und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz zur Unterbringung in den Maßregelvollzug.   Besonders drogenabhängigen Patienten werden in den letzten Jahren verstärkt durch Gerichte zugewiesen.

In den Medien führt der Maßregelvollzug eher ein Schattendasein. Forensische Kliniken werden meist dann thematisiert, wenn besondere Vorkommnisse eintreten  – etwa, wenn ein Patient geflohen ist. Warum ist Maßregelvollzug so ein negatives Thema?
Hollweg: Es ist das Unbekannte, das Angstmachende, womit Schlagzeilen gemacht werden. Es wird über Taten berichtet, über die Vergangenheit der Täter, aber selten darüber, was mit den Menschen danach passiert, wer diese Menschen behandelt. Dabei hat der Maßregelvollzug gute Erfolge vorzuweisen: Nach einer im Schnitt achtjährigen Behandlung begeht der weitaus überwiegende Anteil der forensischen Patienten nach der Entlassung keine Straftaten mehr.

Wer arbeitet alles in einer Maßregelvollzugsklinik?
Hollweg: Fachleute mit unterschiedlichen Qualifikationen arbeiten dort zusammen, um den Patienten die nötigen medizinischen, therapeutischen, pädagogischen, sozialen und lebenspraktischen Hilfen zu geben. Die größte Berufsgruppe bildet das Pflegepersonal: Krankenpfleger, Erzieher und Heilerziehungspfleger. Darüber hinaus gibt es Ärzte und Psychotherapeuten, aber auch Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Lehrer und Verwaltungsfachkräfte. An den sechs forensischen LWL-Kliniken sind etwa 1200 Beschäftigte tätig, davon etwa 40 Prozent Frauen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Westfalenspiegel-Redaktion