Navigation

LWL-Direktor bittet Marsberg-Opfer um Entschuldigung

Interview-Studie: Betroffene schildern Gewalt und Medikamentenmissbrauch

Münster (lwl). Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), hat Psychiatrie-Opfer und ihre Nachfahren um Entschuldigung gebeten. Löb: "Sie leiden noch heute unter den Gewalterfahrungen und Misshandlungen in der Nachkriegszeit bis hinein in die 1980er Jahre in kinder- und jugendpsychiatrischen LWL-Einrichtungen - insbesondere im vormaligen St. Johannes-Stift Marsberg im Hochsauerlandkreis."


Der LWL-Direktor nannte es "überfällig, dass seit Jahresbeginn 2017 endlich die Stiftung 'Anerkennung und Hilfe' arbeitet", bei der Betroffene Beratung und finanzielle Unterstützung bekommen können. Diese Angebote haben bei der LWL-Anlauf- und Beratungsstelle, zuständig für Westfalen-Lippe, bislang bereits mehr als 200 Betroffene nachgefragt, berichtete Löb. An der bundesweiten, mit 288 Mio. Euro ausstaffierten Stiftung beteiligt sich der LWL mit 1,6 Mio. Euro, sagte er am Donnerstag (9.2.) in Münster.

Darüber hinaus haben sich in den vergangenen vier Jahren 113 Betroffene oder ihre Vertrauenspersonen bei einer eigens eingerichteten LWL-Kontaktstelle "Kinder- und Jugendpsychiatrie 1950er bis 1970er Jahre" mit zwei erfahrenen Fachkräften Unterstützung für die Aufarbeitung ihrer oft nachhaltig traumatisierenden Erlebnisse geholt, fügte LWL-Krankenhausdezernent Prof. Dr. Meinolf Noeker hinzu.

"Stätte größten Kinderleids"
Anlass für Löbs und Noekers Äußerungen war die Vorstellung von neuen Forschungsergebnissen des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte zum Thema "Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980). Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung" vor Betroffenen und Experten im münsterischen LWL-Landeshaus.

Die mehrjährige Studie belegt anhand authentischer Interview-Schilderungen von 19 Opfern, dass die mit zeitweise mehr als 1.100 jungen Menschen belegte Einrichtung nicht nur die größte westfälische Anstalt ihrer Art war: "Sie war auch eine Stätte größten Kinderleids", sagte LWL-Direktor Löb. Quälend lange Jahre ertrugen Jungen und Mädchen ein autoritäres Regime von Ärzten, Pflegern und Nonnen vom Vinzentinerinnen-Orden.

Alltägliche körperliche Züchtigung, seelische Gewalt, sexueller Missbrauch, Ruhigstellung und Verwahrung statt Behandlung - auf erschütternde Weise hätten die vom LWL beauftragten Historiker durch die Betroffenen-Schilderungen und den Abgleich mit weiteren Quellen diese seit längerem angeprangerten Verhältnisse bestätigt gefunden, so Löb weiter.

Medikamentenmissbrauch weit verbreitet
In ersten Ansätzen haben die beiden Hauptautoren der Studie, die Historiker Prof. Dr. Franz-Werner Kersting (LWL-Institut) und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl (Uni Bielefeld), auch Hinweisen auf Medikamentenmissbrauch an den jungen Schutzbefohlenen nachgespürt. Ihr Zwischenergebnis: "Unsere Interviewten geben vielfältige und bedrückende Schilderungen missbräuchlichen Medikamenteneinsatzes."

Sedativa und Neuroleptika seien auch in Marsberg vielfach ohne ärztliche Anweisung, in hohen Dosen und oft unter Zwang verabreicht worden - so wie es bis in die 1970er Jahre hinein fast überall in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in Einrichtungen für behinderte Kinder und in Fürsorgeerziehungsheimen verbreitet war. Primäres Ziel: "Kinder und Jugendliche ruhigzustellen und so den Betrieb auf den Stationen auch mit einer dünnen Personaldecke aufrechtzuerhalten", so die Historiker. Betroffene hätten die Sedierungen ebenso "als Strafe für unangepasstes und widerständiges Verhalten empfunden" wie medizinisch verbrämte Schocktherapien, etwa Kaltwasserbäder, Fixierungen oder Isolierungen.

Weiter forschen zu Arzneimitteltests
Dagegen haben die LWL-Forscher bislang keine Anhaltspunkte für Medikamententests oder -studien in LWL-Einrichtungen gefunden, wie sie andernorts im vergangenen Herbst bekannt geworden waren. Diese vorläufige Fehlanzeige zu fragwürdigen Arzneimittel-Versuchsreihen treffe sowohl auf damalige Jugendhilfe-Heime als auch auf kinder- und jugendpsychiatrische LWL-Einrichtungen zu.

Um jedoch derlei Praktiken zwischen Pharmafirmen und Einrichtungsärzten vor der Markteinführung eines Medikaments und ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten für westfälische Kinder- und Jugendpsychiatrien, -Heime und Behindertenhilfeeinrichtungen zuverlässig ausschließen zu können, schlagen die LWL-Historiker Anschlussforschungen vor. Nach den nun vorliegenden Aufarbeitungen der Lebenswirklichkeiten insgesamt in den damaligen "totalen Institutionen" könne sich eine zunächst sondierende und explorative Studie "Medikation und Gewalt" speziell sowohl dem alltäglichen Medikamentenmissbrauch wie auch der "qualitativ neuen Dimension gezielter ärztlich-pharmazeutischer Versuche" widmen.