Navigation

LWL-Forschungsprojekt Psychiatrie im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945 - 1980)

Anstaltsalltag, idividuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung

Studien zu Gewalt- und Missbrauchserfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Fürsorgeerziehungsheimen von der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre hinein sind zahlreich. Nun steht seit einigen Jahren im Fokus der geschichtswissenschaftlichen Forschung das Leid derjenigen Menschen, die im gleichen Zeitraum in Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Behindertenhilfe untergebracht waren.

Auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet dieses Thema aus seiner eigenen Vergangenheit als Einrichtungsträger auf. Das 2013 von LWL-Politik und -Verwaltungsspitze auf den Weg gebrachte Projekt „Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945 -1980). Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung“ untersuchte anhand von Zeitzeugenberichten das Unrecht in der seinerzeit größten kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung des Verbandes. Im Mittelpunkt der Forschungen von Prof. Dr. Franz-Werner Kersting, Historiker am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, Historiker an der Universität Bielefeld,standen die subjektive Perspektive der Betroffenen sowie deren eigene lebensgeschichtliche Wahrnehmung. Zunächst unter der Leitung des vormaligen Institutsleiters Prof. Dr. Bernd Walter, inzwischen im Ruhestand, und unter maßgeblicher Mitarbeit der Historikerin Britta Möwes wurden 19 Interviews mit Betroffnen geführt.

Die Interviews sowie entsprechende Verwaltungs- und Patientenakten werteten Kersting und Schmuhl aus. Auf dieser Basis untersuchten sie die Rahmenbedingungen, die zur Herausbildung einer Struktur der Gewalt im St. Johannes-Stift im sauerländischen Niedermarsberg führten. Weiter analysierten die beiden Historiker die Situationen, in denen es zu gewalttätigen Handeln kam, das Spektrum der Gewaltformen sowie die Verarbeitung der Gewalterfahrungen in den jeweiligen Lebensgeschichten der Opfer. Ihre Erkenntnisse ordneten die Wissenschaftler in einen theoretischen Rahmen ein.

Das Marsberg-Projekt führt eine ganze Reihe kritischer Ausleuchtungen und Aufarbeitungen dunkler Kapitel der LWL-Historie durch sein regionalgeschichtliches Institut fort, so zum Beispiel

- zur Rolle seiner Psychiatriekliniken bei Zwangssterilisationen, Deportationen und Morden   (Stichwort NS-„Euthanasie“) an behinderten und seelisch kranken Menschen;

- zur Geschichte der Heimerziehung 1945 bis 1980;

- mit einer Biographie des NS-Täters und seinerzeitigen Landeshauptmanns Kolbow.

Die Aufarbeitung setzt Impulse für verbandspolitische und erinnerungskulturelle Leitgedanken, die sich etwa in der Schaffung lokaler Erinnerungsorte (Mahnmale, Gedenkstätten, Stolpersteine usw.),in materiellen und immateriellen Wiedergutmachungshandlungen oder in der zeitgeschichtlichen Debattenbeteiligung (Beispiel historisch belastete Straßennamen) niederschlagen.