Das Foto zeigt eine Weihnachtskarte von 1937 und Kinder bei der Bescherung

Weihnachten

Teller mit Süßigkeiten und Obst

Der 24. Dezember ist heute als Heiliger Abend der Hochtag der Geschenke und des guten Essens. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der damals "Wiehnachtsowend", "Christowend" oder "Chrisdagsobend" für die katholische Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Westfalens eine ganz andere Bedeutung: Der 24. Dezember wurde als ein Fastentag vor einem hohen Feiertag angesehen.

Die Menschen arbeiteten bis abends, erst danach konnten sie letzte Vorbereitungen und Besorgungen für das Weihnachtsfest erledigen. Dann ging man zeitig zu Bett, schließlich begann die Christmette am 1. Weihnachtstag bereits zwischen 3 und 5 Uhr. Die Kinder stellten am Abend des 24. Dezembers einen Teller vor die Tür. Am Weihnachtsmorgen war der Teller dann mit Süßigkeiten, Backwaren und Obst gefüllt. Außerdem gab es oft warme Winterkleidung und Schulsachen. Vor 1900 fiel die weihnachtliche Bescherung viel bescheidener aus als heute. Denn bis ins 19. Jahrhundert war bei der katholischen Bevölkerung in Westfalen nicht Weihnachten, sondern der Nikolaustag der wichtigste Geschenktermin für die Kinder.

Von den evangelischen Gebieten Westfalens ausgehend bildete sich schließlich der heute bekannte Weihnachtsablauf, der sich seit den 1930er Jahren in der ganzen Region durchgesetzt hat: Festlich gekleidet beginnen die Familien das Weihnachtsfest bereits am Heiligen Abend mit Festessen und Bescherung. Auch die Christmette wird vielerorts schon am Heiligen Abend gefeiert.

In den 1950er Jahren gab es in Münster einige Zeit den Brauch, Verkehrspolizisten zu bescheren. Mit dem zunehmenden Autoverkehr in der Innenstadt kam die Gepflogenheit auf, den Verkehrspolizisten in den Vormittagsstunden des Heiligen Abends kleine Präsente zu überreichen wie zum Beispiel eine Flasche Wein oder Bier, eine Packung Zigaretten oder eine Schachtel Pralinen. Die Geschenke kamen weniger von Passanten, als vielmehr von Fahrern und Insassen der Autos. Die Wagen verlangsamten das Tempo und reichten die Gaben aus dem Fenster. Oft waren diese Geschenke für einen bestimmten Polizisten gedacht, dem man tagein tagaus auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause begegnete. Feuchtfröhliche Feste feierten die Hüter des rollenden Verkehrs aber nicht mit den oft hochprozentigen Gaben. Denn die Beamten durften die Präsente nicht behalten. Vielmehr sammelten sie die Geschenke und gaben sie an Altersheime oder andere soziale Einrichtungen weiter. Dieser Brauch existierte auch in anderen Teilen Westfalens. So war er beispielsweise bis in die Mitte der 1960er Jahre auch in Hagen bekannt.

Das Christkind
Bereits in der Reformationszeit gab es neben dem Nikolaus eine zweite Bescherfigur: das Christkind. Die Figur des Christkindes (mit Schleier, Krone und Engelsflügeln versehen) ist nicht unbedingt mit dem Jesuskind gleichzusetzen, sondern sie geht wahrscheinlich auf ein engelsgleiches Wesen zurück, das in Weihnachtsumzügen und Krippenspielen die Engelschar anführte. Als sich der Geschenktermin im Lauf des 19. Jahrhunderts allmählich vom Nikolaustag auf den Weihnachts- tag zu verlagern begann, übernahmen viele katholischen Familien das Christkind als Geschenkebringer, während die protestantischen Familien sich eher dem Weihnachtsmann zuwandten. Laut einer volkskundlichen Umfrage von 1930 (ADV-Umfrage) galt das Christkind in West-, Südwest- und Süddeutschland sowie Schlesien als Geschenkebringer.

Der Weihnachtsmann
In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Herauslösung der Heiligenfigur des Sankt Nikolaus aus ihren religiösen Bezügen. Der Nikolaus entwickelte sich zum weitgehend säkularisierten Weihnachtsmann. In dieser fast völlig entchristlichten Form trat die Gestalt das vorweihnachtlichen Gabenbringers schließlich ihren Zug um die Welt an. Eine frühe Verbildlichung des Weihnachtsmannes verdanken wir Moritz von Schwind, der für die Münchener Bilderbogen einen "Herrn Winter" kreierte, einen alten Mann, der in der Christnacht von Tür zu Tür geht und schaut, ob man ihm nicht öffnen will und einen geschmückten Christbaum von ihm als Geschenk annehmen will (1847). Der Weihnachtsmann ist aufs engste mit dem protestantisch-bürgerlichen Weihnachtsfest verknüpft, das in familiärer Abgeschlossenheit und Innerlichkeit stattfindet, und das diesem einzelnen, speziellen Gabenbringer gegenüber der aus Umzugsbräuchen entlehnten Christkindfigur den Vorzug gab.

Gemäß der Pädagogik des 19. Jahrhunderts sollte der Weihnachtsmann auf die Kinder wie eine autoritäre Vaterfigur wirken. Mit seinem wallenden Glitzerbart erinnerte er sie wohl an Gottvater persönlich und konnte auf diese Weise - ähnlich wie der Nikolaus - als pädagogisches Instrument benutzt werden, um die Kinder in ihre Schranken zu verweisen. Laut einer volks- kundlichen Umfrage aus den 1930er Jahren war der Weihnachtsmann als Geschenkebringer vor allem in Mittel-, Nord- und Ostdeutschland bekannt.


Aus: Hubert Kersting, Westfälische Sitten und Bräuche im Jahreslauf, hg. vom Heimatverein der Gemeinde Nordkirchen e.V., Nordkirchen 2004.