Walpurgisnacht

Ein Kerl aus Stroh

In der Walpurgisnacht treiben die Hexen auf dem Brocken im Harz ihr Unwesen. Das ist spätestens seit Goethes “Faust“ hinlänglich bekannt. Auch in Westfalen “spukte“ es früher in der Walpurgisnacht, doch hier waren die Urheber irdischer Natur: In vielen Dörfern trieben die jungen Burschen in der Walpurgisnacht allerhand Streiche. So setzten sie den Mädchen, die zum 1. Mai den Garten noch nicht bestellt hatten, einen Fuhlen oder Maikerl vor die Tür. Das war meist eine Strohpuppe, der alte Kleidungsstücke angezogen wurden und der das abweichende Verhalten der Gerügten öffentlich machen sollte. In anderen Orten hätten die jungen Männer den Mädchen auch kahle oder vertrocknete Bäume vor ihr Fenster gestellt, um ihre Faulheit öffentlich anzuprangern. Fleißige Mädchen bekamen anstelle des Maikerls in der Nacht zum 1. Mai ein Maibäumchen in Form einer kleinen Birke. Auch heimliche Verehrer stellten ihrer Angebetenen ein grünes Bäumchen unters Fenster. In der Gegend um Lübbeke wurden in der Walpurgisnacht Gerätschaften, die am Haus abgestellt worden waren, auseinandergenommen und versteckt. Deshalb waren die Dorfbewohner am 30. April besonders darauf bedacht, ihre Wagen und Pflüge in Schuppen, Scheunen oder Remisen zu stellen und diese gut zu verschließen.

Westfälisches Walpurgistreiben ohne Hexen
Das wilde westfälische Walpurgistreiben hat mit den Hexen am Blocksberg nichts zu tun: Der 1. Mai ist ein alter Musterungstermin. Die Nacht vor dem Eintritt in den Militärdienst galt als Freinacht, in der die jungen Burschen vorerst die letzte Gelegenheit zu allerhand Streichen und ausgelassenem Treiben hatten. Das ausgelassene Treiben in der Walpurgisnacht hat sich ausgesprochen lange gehalten, dazu hat sicherlich beigetragen, dass die Walpurgisnacht günstig zwischen die anstrengenden Zeiten des Säens und des Mähens fällt.

Der Name der Walpurgisnacht geht auf die Äbtissin Walburga zurück, die im 8. Jahrhundert lebte und deren Heiligsprechung auf den 1. Mai fiel. Bis auf die Bezeichnung hat die Walpurgisnacht aber nichts mit der heiligen Walburga zu tun. Im Gegenteil: Die heilige Walburga wurde früher als Schutzpatronin gegen die Zauberkunst angerufen.

Der eigentliche Maibaumbrauch mit Tanz um den Baum ist erstmals für das Jahr 1225 in Aachen belegt. In dieser Zeit wurde der Baum zum Sinnbild der Hoffnung auf eine segens- und fruchtbringende Periode. Er wurde mit der Hoffnung in die Dörfer gebracht, dass seine segensbringende Wirkung auf Menschen, Vieh und Felder überging. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Maibaum in Westfalen noch weitgehend unbekannt. Lediglich im Siegerland und im Wittgensteiner Land wurden am 1. Mai, häufiger am Tag vor Pfingsten Maibäume aufgestellt.

Aus: Hubert Kersting, Westfälische Sitten und Bräuche im Jahreslauf, hg. vom Heimatverein der Gemeinde Nordkirchen e.V., Nordkirchen 2004.