Nikolaus

Naschwerk im Schuwerk

St. Nikolaus ist wohl einer der bekanntesten Heiligen der katholischen Kirche. Er gilt als Schutzpatron der Fischer, Flößer, der Apotheker, Tuchmacher, der Kinder und Schüler sowie der Juristen und Gefangenen. Der heilige Nikolaus wurde um 260 in Patara geborenen und um 300 zum Bischof von Myra gewählt. Sein Todestag ist der 6. Dezember 343. Die Funktion des heiligen Nikolaus als Gabenbringer geht auf eine Legende zurück, der zu Folge Nikolaus durch eine großzügige Gabe an ihren Vater drei Mädchen vor dem Schicksal der Prostitution bewahrt haben soll. Die besondere Art der Übergabe seiner Gabe - er soll der Legende zufolge Goldklumpen in ein Tuch gebunden und dieses durch ein Fenster des Hauses geworfen haben - spiegelt sich in der älteren Form der Nikolausbescherung deutlich wider. Bis ins 17. Jahrhundert hinein trat die Gestalt des Nikolaus bei der nächtlichen Bescherung nämlich nicht persönlich in Erscheinung. Der sogenannte "Einlegebrauch" sah vor, dass die Kinder am Vorabend des Nikolausfestes einen Teller oder einen Schuh aufstellten. Auch ein Stückchen Brot für den Schimmel des Nikolaus durfte nicht vergessen werden. Am Morgen waren dann Schuh oder Teller mit Naschwerk, Äpfeln und Nüssen gefüllt. Wer der Geschenkebringer in Wahrheit war, sollte den Kindern verborgen bleiben.

Knecht Ruprecht
Im Zuge der Gegenreformation wollte man die traditionelle Kinderbescherung wirkungsvoller in Szene setzen: es entwickelte sich der heute auch noch bekannte "Einkehrbrauch", d.h. eine mit Bart, langem Bischofsmantel und Mitra gekleidete Person kam ins Haus. Häufig wurde dieser Nikolaus noch von einem "schwarzen Mann", dem Knecht Ruprecht begleitet, dessen Aufgabe es war, die Kinder ein wenig einzuschüchtern und sie für ihre bösen Taten zu bestrafen. Der Nikolaus selbst verteilte aus einem großen Sack Geschenke an die Kinder, die diese als Lohn für ihre guten Taten begreifen sollten. Nikolaus und Knecht Ruprecht als pädagogische Mittel zur Disziplinierung der Kinder waren in bürgerlichen Kreisen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr beliebt.

Das ganze Jahr hindurch konnten die Kinder mit dem Verweis darauf in die Schranken gewiesen werden, dass ihre bösen Taten im goldenen Buch des Nikolauses festgehalten würden. Übrigens stand der Reformator Martin Luther Sankt Nikolaus – wie allen anderen Heiligen auch - recht skeptisch gegenüber: Er propagierte den "heiligen Christ" als Gabenbringer und den Christtag als Geschenktermin, den die katholischen Christen allerdings lange Zeit nicht übernehmen mochten. Sie blieben bis ins 20. Jahrhundert hinein bei der Nikolausbescherung, während sich bei der evangelischen Bevölkerung als Termin für das Hauptgeschenkfest bereits im 19. Jahrhundert der erste Weihnachtsfeiertag eingebürgert hatte. Ganz im Gegensatz zu den ruhigen und gesitteten Nikolausfeiern im häuslichen Rahmen stand das wilde Nikolaustreiben am Vorabend des 6. Dezembers, das um 1900 jedoch nur noch in Resten bekannt war.

Allerhand Getöse und derbe Späße
Kinder und Jugendliche fanden sich bei diesem Brauch in Gruppen zusammen und zogen verkleidet von Haus zu Haus. Vor den Häusern machten sie mit Ketten aus Holz oder Metall allerhand Getöse und dort, wo sie eingelassen wurden, führten sie oft derbe Späße mit den Kindern durch. In manchen Städten und Gemeinden wird seit dem 20. Jahrhundert auch ein öffentliches Nikolausfest veranstaltet, für das sogar ein bestimmter Betrag im Haushaltsplan vorgesehen ist. In einem feierlichen Zug kommt beispielsweise in Billerbeck der Nikolaus zu Pferd auf den Marktplatz. Dort bilden die Ansprache des heiligen Mannes und die Gabenverteilung an die Kinder den Höhepunkt des Festes. In Ascheberg kommt der Nikolaus im Auftrag der Kolpingfamlie auf einem Unimog, dem Fahrzeug der Feuerwehr, und in Rheine legt er mit seinem Schiff an der Emsbrücke an und reitet vor dort aus durch die Innenstadt.

Aus: Hubert Kersting, Westfälische Sitten und Bräuche im Jahreslauf, hg. vom Heimatverein der Gemeinde Nordkirchen e.V., Nordkirchen 2004.