Das Foto zeigt Karneval 1925 in Beverunge und das traditionelle Wurstsingen

Rummelpott und Teufelsgeige

Zu Fastnacht geht es in Westfalen um die Wurst

Wenig zu sagen haben die Männer an Weiberfastnacht, denn an diesem Tag herrschen die Frauen. Dieser Brauch geht wahrscheinlich auf die sogenannten Weiberzechen zurück, die bis ins 19. Jahrhundert hinein in den Städten bekannt waren. An diesen Festen durften nur verheiratete Frauen teilnehmen. Dabei schlüpften die Frauen zum Teil in Männerrollen. Weiberfastnacht wie wir es heute kennen, kam in den 1950er Jahren auf. An Weiberfastnacht müssen die Männer tun, was die Frauen wollen.

Als äußeres Zeichen des Machtverlustes werden den Männern die Schlipse abgeschnitten oder die Schnürbänder aus den Schuhen gezogen. Oft nehmen die Frauen den Männern ein Pfand ab, wie zum Beispiel eine Mütze. Das müssen die Männer dann wieder auslösen - meist gegen alkoholische Getränke. Die Bezeichnung "Altweiberfastnacht" rührt übrigens nicht daher, dass hier vor allem betagte Damen feierten. Die Brauchträgerinnen waren in erster Linie die verheirateten Frauen, die sonst im Brauchleben seine sehr untergeordnete Rollen spielen. Andernorts war der Donnerstag vor Rosenmontag der Festtag der Kinder, so zum Beispiel im Sauerland und im Paderborner Land. Im Hochsauerland durften die Schulkinder an “Lütkefastnacht” im leergeräumten Klassenzimmer ausgelassen tanzen und gemeinsam gekauften Weizenstuten essen.

Ein Bär treibt Schabernack
In den anderen Regionen des Sauerlandes und Paderborner Landes zogen an diesem Tag größere Gruppen von etwa 25 Kindern verkleidet von Haus zu Haus, um dort mit einem Lied oder einem Spruch um Würste zu heischen. Die Kinder hängten die Mettwürste an einen Weidenstock, den so genannten Spit. Wahrscheinlich gingen ursprünglich die Armen des Dorfes auf diesen Heischegang, mit der Zeit wurde er zu einem Brauch der Kinder, vermutet man heute. Einen ähnlichen Brauch gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts am Rosenmontag oder Veilchendienstag in fast allen katholischen Orten Westfalens. Die jungen Burschen fanden sich an einem dieser Tage zum Wurstsingen oder Wurstaufholen zusammen und zogen verkleidet von Haus zu Haus.

Einer der jungen Männer war dabei fast immer als “Bär”, einige andere als Bärentreiber verkleidet. Der "Bär" war eine in Stroh eingewickelte Gestalt. Er wurde von den Bärentreibern in die Häuser getrieben und trieb selbst allerlei Possen zur Unterhaltung der Hausbewohner. Dabei gab es Schabernack, sketchartige Stegreifspiele sowie lärmende musikalische Darbietungen auf der Teufelsgeige, einem mannshohen Stock, an dem Schellen und eine Metallsaite befestigt waren, oder mit dem Rummelpott, einem mit einer Tierhaut bespannten Tontopf. Die Hausbewohner bedankten sich für die Unterhaltung, indem sie den Wurstsängern einen kräftigen Schluck ausschenkten. Waren Rummelpott und Teufelsgeige nicht vorhanden, wurden die Wurstsänger oft von einem Musikanten begleitet, der verschiedene bekannte Melodien spielte.

Eine Mettwurst als Trophäe

Bevor sie ein Haus weiter zogen, erhielten die Wurstsänger dann noch eine Mettwurst, die sie wie eine Trophäe an der mitgebrachten Gaffel (Gabel zum Strohaufschütten) oder an einem langen Stock befestigten. Nach dem Rundgang wurden die eingesammelten Würste gemeinsam gesessen. Der Brauch des Wurstsingens wird zwar immer seltener gepflegt, er ist aber in einigen Orten Westfalens noch bekannt. Der Brauch hatte wohl damit zu tun, dass um Karneval herum auf vielen Höfen zum letzten Mal vor dem nächsten Herbst geschlachtet wurde und somit die begehrten Würste vorhanden waren. Vor Beginn der Fastenzeit konnte man noch einmal ausgiebig Fleisch, Fettgebackenes und Alkohol genießen.

Aus: Hubert Kersting, Westfälische Sitten und Bräuche im Jahreslauf, hg. vom Heimatverein der Gemeinde Nordkirchen e.V., Nordkirchen 2004.