Erster Schultag

Als die Zuckertüten noch auf Bäumen wuchsen

Bis zum Ende der 1960er Jahre fand die Einschulung und der Beginn des neuen Schuljahrs direkt nach den Osterfeiertagen statt. Mithilfe von sogenannten Kurzschuljahren 1966/1967 gelang die Umstellung auf den Sommertermin, der uns heute allgemein geläufig ist. Um den Kindern den Schulbeginn im wörtlichen Sinn zu versüßen, überreichen ihnen die Eltern eine Schultüte, die meist am Ende des Kindergartenjahrs unter Anleitung der Erzieherinnen von Eltern und Kindern gemeinsam gebastelt wird. Schultüten mit allen nur erdenklichen Motiven sind aber auch im Handel erhältlich. Während die Kinder heute genau wissen, wem sie die Zuckertüte zu verdanken haben, wurden sie im 19. Jahrhundert über die wahre Herkunft ihrer Schultüten eher im Unklaren gelassen.

Das Zuckertütenbuch
Im „Zuckertütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen" von 1852 wurde jedenfalls die Vorstellung verbreitet, dass es im Keller der Schule einen Zuckertütenbaum gebe, von dem der Lehrer den braven Schülern eine Tüte abpflücke. Ein erster Beleg für eine Zuckertüte ist übrigens bereits aus dem Jahr 1817 überliefert: ein Schüler in Jena bekam in diesem Jahr zur Einschulung eine „mächtige Tüte Konfekt". Von Thüringen und Sachsen aus begann sich der neue Brauch der Schultüte allmählich in ganz Deutschland, Österreich und in der deutschsprachigen Schweiz zu verbreiten. Doch auch wenn August Nestler in Sachsen bereits 1910 mit der fabrikmäßigen Herstellung von Schultüten begann, so war der neue Brauch noch längst nicht überall bekannt.

In westfälischen Städten tauchten die ersten Schultüten erst in den 1930er Jahren auf. Um 1900 pflegte man den „i-Männchen" in Lippe jedenfalls noch einen Zuckerstuten, eine Brezel oder einen Apfel direkt in die Hand zu drücken. Der Sinn der Schultüte ist es, den neuen Status des Kindes als Schulkind nach außen hin zu symbolisieren. Außerdem sollte der Inhalt der Tüten ein süßes Trostpflaster für den nun beginnenden strenger geregelten Lebensabschnitt sein. Eine Entschädigung für den beginnenden "Ernst des Lebens" hatte offensichtlich auch mancher nötig. In den Lebenserinnerungen des Forschers Josef Meder jedenfalls heißt es: "Damit wir nicht etwa gleich am ersten Vormittag heulend davonliefen, redeten uns alle Angehörigen wochenlang den Zuckerbaum vor, der mit Näschereien dicht behangen in der Schulstube stehe und nur für die Erstlinge bestimmt sei."

Aus: Hubert Kersting, Westfälische Sitten und Bräuche im Jahreslauf, hg. vom Heimatverein der Gemeinde Nordkirchen e.V., Nordkirchen 2004.