Hans-Joachim Thimm. Foto: Privat

"Wir leben nicht nur im Urlaub auf"

Wie lässt sich die Ferienerholung in den Alltag retten? – Drei Fragen an Hans-Joachim Thimm aus der LWL-Klinik Dortmund

Westfalen-Lippe (ufo). Ferienende in Nordrhein-Westfalen. Die Koffer sind längst wieder im Keller verstaut. Die neuen Urlaubsfotos sind im PC gespeichert. Zurück am Arbeitsplatz kehrt Routine ein und schon nach zwei Tagen ist die gerade gewonnene Entspannung verschwunden. LWLaktuell fragte Hans-Joachim Thimm, Oberarzt der Allgemeinen Psychiatrie I an der LWL-Klinik Dortmund, wie man möglichst viel von der Urlaubserholung in den Alltag retten kann.

Herr Thimm, haben Sie einen Tipp, wie ich auch am Arbeitsplatz möglichst lange von meiner Urlaubsentspannung profitieren kann?
„Es ist falsch anzunehmen, dass wir nur im Urlaub aufleben. Wir nehmen im Stress die Dinge, die uns erfreuen oder erbauen nur nicht mit der gleichen Intensität wahr. Der Sieg beim Strandvolleyball wird im Urlaub fröhlich gefeiert, warum nicht auch der berufliche Erfolg? Halten Sie inne, drängen Sie nicht zur nächsten Herausforderung, ohne die letzte gemeisterte Aufgabe gebührend genossen zu haben.
Die lange Fahrradtour, das Erklimmen eines Alpengipfels, das Durchschwimmen eines Sees zeigt uns im Urlaub: Wir können was. Genauso können wir auch berufliche Herausforderungen bestehen. Wichtig ist, dies auch wahrzunehmen.
Jeder kennt die typischen Urlaubsrituale, das lange Frühstück, den Abendspaziergang, das gemeinsame Gespräch, das Genießen der Zeit. Solche Rituale sind uns nicht nur im Alpendorf in der Schweiz, auf der Kreuzfahrt in Norwegen oder in der Finca auf Mallorca möglich. Das kann uns auch zuhause gelingen.“

Bietet die Rückkehr aus dem Urlaub vielleicht auch einen neuen Blickwinkel auf Stressauslöser am Arbeitsplatz, wie zum Beispiel Termindruck und ungelöste Konflikte?
„Ein entspannter Urlaub ist eine Chance, sich klar zu machen, warum wir im Arbeitsalltag Stress haben: Ist es Hetze, Termindruck, Ärger, wenig innere Distanz zu dem, was uns im Arbeitsleben bewegt oder sind es unausgesprochene nicht gelöste Konflikte? Und was haben wir in den vergangenen Wochen anders gemacht? Retten wir unser im Urlaub verändertes Verhalten in den Alltag hinüber. Auch danach sollten wir uns Zeit nehmen, zum Beispiel für Sport oder unsere Hobbys.
Wer Zeit hat, baut Stress ab. Den Tag scheinbar vertrödeln, nicht auf die Uhr schauen und dabei entspannt anderen Menschen gegenüber zu treten ist eines der großen Urlaubsvergnügen. Warum sich nicht auch im beruflichen Alltag Zeit nehmen? Zeit nehmen heißt aber auch: gut planen, nicht hetzen, pünktlich zum Termin zu erscheinen, das Wichtige von Unwichtigem trennen. Wer keine Zeit hat, braucht Auszeiten!
Den Urlaub begehen wir mit größter Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Alle kleinen positiven Dinge nehmen wir wahr. Warum nicht auch danach? Über einen Sonnenaufgang, über den Morgennebel, über den verschwiegenen Waldweg, über einen Abend im Biergarten können wir uns auch außerhalb von Urlaubszeiten erfreuen."

Manche sind auch überrascht, wie gut es ohne die eigene Anwesenheit am Arbeitsplatz funktioniert hat. Sind Selbstzweifel angebracht?
„Nach zwei oder drei langen Wochen der Ruhe, ohne Arbeit, ohne Kunden, ohne Kollegen, ohne das Gefühl, gebraucht zu werden, gilt es zunächst die ganz leisen Zweifel, wie ‚Es ging auch ohne mich‘ oder ‚Werde ich noch gebraucht?‘ über Bord zu werfen. Ja, wir sind wieder willkommen, wenn wir an den Arbeitsplatz zurückkehren.“