Links und rechts: Daan Vermeulen besucht mit seinen Therapieschweinen Rudi und Felix regelmäßig das LWL-Pflegezentrum in Münster. Mitte: Anfassen erlaubt. Sowohl Bewohner als auch eingeladene Kinder sind fasziniert von den Tieren. Fotos: LWL/Westerkamp und Kaufhold

Heilsame Borstentiere

LWL-Pflegezentrum Münster setzt Minischweine für Erinnerungsarbeit bei dementen Bewohnern ein

Münster (kh). Demenz ist eine Reise ins Vergessen ohne Wiederkehr. Doch manchmal geben äußere Umstände und Reize Impulse, die Erinnerungen wachrufen und einen Zugang zu einem Menschen schaffen.

Mit den Minischweinen Rudi und Felix hat das LWL-Pflegezentrum in Münster für neue Impulse gesorgt und den Schritt zu einer besonderen Form der Erinnerungsarbeit gewagt. Anfassen, riechen, beobachten – die Senioren im Pflegezentrum mit psychosozialem Betreuungsbedarf sind fasziniert von den 60 Kilogramm schweren Tieren, die weder gefährlich noch aufdringlich sind, sondern - ganz im Gegenteil - gerne gefüttert und zu Kunststücken animiert werden. „Wenn Rudi anfängt, Nüsse zu knacken, dann sorgt das bei allen für Begeisterung“, beobachtet Eva Brinkmann, Leiterin der LWL-Einrichtung.

Angefangen hatte alles auf einer Pflegemesse, auf der eine Kollegin von Eva Brinkmann Daan Vermeulen kennen lernte, der mit seinen Minischweinen regelmäßig Seniorenheime und Kindergärten besucht. Beim Tag der offenen Tür wurde der Physiotherapeut zum ersten Mal in das LWL-Pflegezentrum eingeladen. „Daan Vermeulen hat ein besonderes Talent, mit Menschen umzugehen. Er schafft die Basis dafür, dass die Bewohner den Kontakt zu den Tieren suchen, der sehr heilsam und spannend ist“, erklärt Brinkmann. Viele der Bewohner sind auf Höfen aufgewachsen und hatten von Kindesbeinen an mit Tieren zu tun. Rudi und Felix helfen dabei, sich an vergangene Erlebnisse zu erinnern. „Familienfeiern oder Kinderspiele kehren wieder ins Gedächtnis zurück. Die Schweine setzen viele Gedanken frei, die lange verborgen gewesen sind“, sagt Brinkmann. Auch die Anwesenheit von Kindern der Beschäftigten und aus benachbarten Kindergärten, die zu den Besuchen von Rudi und Felix eingeladen werden, wirken sich positiv auf das Befinden und Verhalten der Bewohner aus. Lebendigkeit, die ansteckend sei, würden die Tiere und die Kinder ausstrahlen, so Brinkmann. „Ist erst einmal ein Zugang geschaffen und das Vertrauen gewonnen, öffnen sich die Bewohner auch für weitere Gespräche oder Aktionen.“

Den Einsatz von Tieren in der Pflege und Therapie hält Brinkmann generell für sinnvoll. Auch Meerschweinchen und Hunde werden im Pflegezentrum eingesetzt, um die Demenzkranken anzuregen. „Man kann den Einsatz von Tieren auf jeden Fall empfehlen. Irgendwann werden Rudi und Felix für unsere Bewohner nicht mehr so attraktiv sein, denn das Neue und damit der Reiz geht mit der Zeit verloren. Dann werden wir uns nach Alternativen umschauen“, bemerkt die Leiterin des Pflegezentrums, die für die Zukunft unter anderem plant, Hühner als Therapietiere einzusetzen. Vorerst sind allerdings weitere Besuche von Daan Vermeulen und seinen Schweinen angedacht. Die rund 200 Euro pro Besuch werden zur Hälfte von der Ernst-Kirchner-Stiftung übernommen, einer Stiftung, die sich der Förderung der Lebensfreude der Patienten und Bewohner der LWL-Klinik Münster mit ihren zugehörigen Einrichtungen widmet.