Das Ethik-Komitee der LWL-Klinik Lengerich (v.l.): Bernd Borghard, Stephan Bögershausen, Elisabeth Post-Dömer (zweite Vorsitzende), Dr. Dirk Klute, Dr. Frank Röhr, Tina Giesker, Michaela Braunias, Siegrid Kreschel, Monika Zintel, Marco Schäfer, Dr. Jörg Wittenhaus (Vorsitzender) und Stefan Kliesch. Foto: LWL

„Sagen Sie es bloß nicht meinem Mann“

Fürsorgeverpflichtung oder Patientenwille? Das Ethik-Komitee der LWL-Klinik Lengerich will Entscheidungshilfen geben

Lengerich (ufo). „Sie haben eine Depression.“ Die Diagnose ist für die 60-jährige Patientin niederschmetternd. „Sagen Sie es bloß nicht meinem Mann“, bittet sie den behandelnden Arzt inständig. „Der Arzt kann dadurch in einen Konflikt geraten“, erklärt Dr. Jörg Wittenhaus. „Soll er auf die Bitte der Patientin eingehen oder darf er sie übergehen und den Ehemann über die Krankheit seiner Frau aufklären“, erläutert der Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorsitzender des Ethik-Komitees der LWL-Klinik Lengerich. Es sind Gewissensentscheidungen wie diese, die Pfleger, Therapeutinnen und Ärzte immer wieder vor Herausforderungen stellen. Sie betreffen therapeutische Grundhaltungen, die einen ethisch-moralischen Charakter haben. Da ist der Patient, der die Therapie ablehnt oder sogar auf eigenen Wunsch abbrechen möchte oder das - an einer Essstörung leidende - Mädchen, das zwangsernährt werden muss, sich aber dagegen wehrt. Steht die Fürsorgeverpflichtung jetzt an erster Stelle oder gilt der Wille des Patienten? Welches Maß an Fremdbestimmung ist noch verantwortungsvoll?

Ethik kann nicht verordnet werden

Das Ethik-Komitee, das seit Juni 2010 in der LWL-Klinik Lengerich seine Arbeit aufgenommen hat, will auf diese Fragen möglichst praxisnahe Antworten finden. In einer Auftaktveranstaltung hat das zwölfköpfige Beratungsgremium bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im vergangenen Jahr Themen gesammelt. „Wir diskutieren diese nun gemeinsam und versuchen zunächst zu grundlegenden Fragestellungen, wie beispielsweise zu Verhaltensweisen in der Sterbebegleitung, richtungsweisende Entscheidungshilfen zu geben“, sagt Stephan Bögershausen, Mitglied des Ethik-Gremiums und Stellvertretender Pflegedirektor der Klinik. In einem zweiten Schritt sollen auch Fälle aus dem klinischen Alltag reflektiert werden, um den Entscheidungsträgern in Grenzsituationen praxisnah beratend zur Seite zu stehen.
Auf keinen Fall will das Komitee verbindliche Regeln aufstellen. „Ethik kann nicht verordnet werden“, betont Elisabeth Post-Dömer, zweite Vorsitzende und Gleichstellungsbeauftragte der LWL-Kliniken Münster und Lengerich. Ziel sei es, zu beraten, nicht zu bevormunden.


Entscheidungen werden gemeinsam getragen


„Der Wille und das Wohl des kranken Menschen stehen bei uns im Mittelpunkt“, sagt Vorsitzender Wittenhaus, „aber genauso geht es bei uns auch um die Wertschätzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ Kann zum Beispiel ein Arzt oder eine Ärztin eine gerichtliche Anordnung zur Zwangsernährung mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, müsse eine Entscheidung pro oder contra nicht alleine getroffen werden. „Das Ethik-Gremium ist ebenso dafür da, in solchen Situationen mit einer Empfehlung die letztliche Entscheidung auf eine breitere Grundlage zu stellen“, so Stephan Bögershausen.


Themen aus vielen Blickwinkeln betrachten


Die Mitglieder des Komitees wurden durch die Betriebsleitung zunächst für drei Jahre berufen. Es besteht sowohl aus Klinikbeschäftigten aus unterschiedlichen Berufs- und Arbeitsbereichen und soll auch Vertreter von Patienten und Angehörigen mit beteiligen: Den Anfang macht eine Angehörige eines psychisch Erkrankten, die auch selbst erkrankte und so beide Perspektiven vertreten kann. Ebenso können Sachverständige und Experten vom Komitee hinzugezogen werden. „Diese Bandbreite ermöglicht es uns, viele unterschiedliche Blickwinkel eines Themas kennenzulernen“, erklärt Wittenhaus.


Langer Weg bis zur Etablierung


Das Komitee informiert über seine Arbeit in der Klinik mit Plakaten und Empfehlungen zu bereits bearbeiteten Themen. „Bis sich das Ethik-Komitee etabliert hat, können einige Jahre vergehen“, ist sich der Ärztliche Direktor der LWL-Klinik Lengerich, Dr. Christos Chrysanthou, bewusst. Doch die Arbeit mit den Werten soll sich auf lange Zeit lohnen: „Wir erhoffen uns, dass sich durch die transparente Herangehensweise an spannungsbehafteten, ethischen Themen die Qualität der Arbeit in allen Bereichen und für alle Beteiligten verbessert.“