Suchtkrank über 60. Der Zwang zum nächsten Schluck
Alkohol ist K.’s Krisenhelfer. Noch.
„Der Alte ist besoffen.“ Das sagen nüchtern seine Kinder über Karl-Theodor K., wenn ihr Vater offiziell mal wieder „krank“ im Bett liegt. „Die sind sauer auf mich“, erzählt K. Dass er bei seinen drei heranwachsenden Nachkommen „ganz schlechte Karten hat“, nimmt der Alkoholkranke inzwischen hin. „Das tut nicht weh. Ist halt so.“
Karl-Theodor K. heißt nicht so, möchte anonym bleiben, will aber seine kaum glaubliche Karriere in den Abgrund vom Trinken und Weiter-Trinken öffentlich machen. K. war mal einflussreich, war mal ein ‚öffentlicher’ Mensch.
Jetzt ist K. über 60 Jahre alt, fühlt sich aber noch nicht alt. Ziele, sagt er, hat er keine mehr. Er ist Alkoholiker. Der goldene Ehering am Finger von Karl-Theodor ist im Laufe der Jahre dünn geworden vom vielen Dranrumnesteln, die Ehe hält noch. Die Kinder haben sie spät bekommen, die halten ihn auf Trab. Und sie haben ein Häuschen, an dem er noch abbezahlt. Er ist seit drei Jahren pensionierter Beamter, war mal mächtiger Abteilungsleiter in einer öffentlichen Verwaltung. Dann wurde er nicht wieder in sein Amt gewählt, ist aber finanziell abgesichert. Natürlich gibt es in seiner Stadt „viel Gerede, es wird viel spekuliert“. Doch seine bürgerliche Fassade hält leidlich.
Zu viel des Guten
„Vertragen hab’ ich immer schon viel.“ Aber dann war es irgendwann zu viel des Guten. Vor allem des guten Weins. „Ich war nie der totale Säufer.“ Nicht in der Jugend, nicht während des Studiums und auch nicht als er als Freiberufler arbeitete. Dann kam der öffentliche Job. Und darin ging dem „Freigeist“, wie K. sich sieht, „die Fantasie aus“. Im Job wie auch in der Ehe.
Die Krise kam so um die 50. Da kriegte er „die Kurve nicht mehr“. Seine Frau und er saßen abends jeder in einem anderen Zimmer des Häuschens vor den Fernsehern, betranken sich im Stillen, manchmal Abend für Abend, über Jahre. „Geredet wurde da nicht mehr viel.“ Seine Frau hat es überstanden, sagt er, ist nicht davon süchtig geworden. Wann merkt denn der Alkoholkranke, dass er süchtig geworden ist? „Wenn der Spaß vorbei ist – und das Leiden anfängt“, antwortet K. lapidar.
Irgendwann trifft K. bei einem Spaziergang gegen Mittag auf einen Arzt, der ihn kennt und bemerkt, dass K. an der Schwelle zum Alkoholismus steht: „Sie tragen ein Parfum, das man um diese Uhrzeit nicht trägt.“ Der vornehm-zurückhaltend gedrechselte Satz, den der Arzt ihm sagt, muss K. bis ins Mark getroffen haben. Er kann ihn auswendig.
Karl-Theodor ist einsichtig. Er geht in die Uni-Kliniken nach Münster, lässt sich behandeln, das erste Mal entgiften. K. fährt danach in Kur nach Bayern. Er ist ja privat krankenversichert. Wieder Zuhause behält er einige Zeit die Kontrolle über sich, glaubt er zumindest. Bis zur nächsten Drucksituation, dann ist erneut der Wein am Zug. Und K. weiß auch sofort: Es geht wieder los. Dieser Zwang, nur noch an den nächsten Schluck zu denken. „Man merkt es daran, dass man nicht mehr zurück kann. Man will nur noch in sich hineinschütten.“
Wieder steht die Entgiftung an, mit Medikamenten, inzwischen zwei bis drei Mal im Jahr – nun hier in der LWL-Klinik für Psychiatrie in Münster, die sich auch auf Suchtkrankheiten älterer Menschen spezialisiert hat. „Das geht relativ schnell, dauert nur ein paar Tage.“ Die Kaffeetasse kann Karl-Theodor K. nur mit zitternden Händen haben. „Das gibt sich wieder. Ich bin ja noch eine Woche hier.“
Ein Teufelskreis
Die Entwöhnung im Anschluss an die Entgiftung – das klappt bei ihm halt nicht. K. ist klug genug, weiß, dass er immer zwischen Selbstmitleid und Selbstzerfleischung pendelt. „Ich hab’ da keine großen Illusionen mehr.“ Gesprächsrunden hat er reichlich erlebt, in jeder Kur. Sie sind nicht seine Sache. Selbsthilfegruppen kennt er natürlich. Er weicht aus: „Vielleicht geh ich da demnächst mal hin.“
Vor zwei Jahren kam zu seinem Unglück Krebs hinzu. „Gott sei Dank hatte ich noch keine Metastasen.“ K. hängt an seinem Leben. Das merkt er damals. Er wird mit Erfolg operiert, hat seitdem einen Sprachfehler. Nun stehen für den Krebskranken alle drei Monate Kontrolluntersuchungen an. Tage vorher zittert K. vor dem Arzttermin, greift dann oft zum Wein „um ruhig zu werden“. Ein Teufelskreis.
Über zwölf Jahre geht das nun mit seiner Sucht schon so. „Ein Jahr davon war ich ganz trocken“, erzählt er hörbar stolz, „das war das beste Jahr.“ Die Schicksale dreier Säufer in seiner Stadt hat er verfolgt: „Die sind alle tot.“ Seine Leberwerte, sagt Karl-Theodor K. eher beiläufig, sind in Ordnung. „Noch.“
Hintergrund: zwar ist die Häufigkeit geringer als bei jüngeren Menschen, dennoch bezeichnen Fachleute die Verbreitung von Alkoholabhängigkeit unter älteren Menschen als „erschreckend“: Zwei bis drei Prozent aller über 60jährigen Männer und rd. ein Prozent aller gleichaltrigen Frauen gelten als betroffen.
Experten unterscheiden zwei Gruppen: Wer schon weit vor der Alters-Lebensphase mit dem regelmäßigen Alkoholkonsum angefangen hat – das sind etwa zwei Drittel der späteren Abhängigen -, der hat erfahrungsgemäß schlechtere Erfolgschancen in der Behandlung. Deutlich besser sieht es da für das Drittel aus, das erst im Rentenalter an die Flasche geraten ist – sei es durch den „Ruhestandsschock“, durch allmähliche Isolation und Vereinsamung oder durch depressive Gefühle zum Beispiel nach dem Verlust des Partners.
Erst Entgiftung, dann Entwöhnung: Das sind die beiden Etappen weg vom Alkohol. Entgiftung oder Entzug bedeutet abruptes Aufhören zumeist in stationärer, einige Tage dauernder Unterbringung in einem Krankenhaus. Dort können körperliche und psychische Begleitbeschwerden wie etwa Unruhe, starkes Transpirieren, Bluthochdruck, Schlafstörungen oder – in selteneren Fällen – gar epileptische Zwischenfälle oder ein teilweiser „Blackout“ des Gedächtnisses am besten behandelt werden.
In der ungleich längerfristigen Entwöhnung wird dem Abhängigen bei seiner bewussten geistigen Abkehr vom „Stoff“ geholfen: Durch psychologische und psychotherapeutische Begleitung in Einzel- wie Gruppengesprächen, durch neue, sinnstiftende Lebensinhalte unter Abstinenzbedingungen und nicht zuletzt auch durch die Auf- und Verarbeitung von Rückfällen, damit diese nicht als Versagens-Katastrophe erlebt und erlitten werden.