Rat und Hilfe gegen den Schock
Diagnose Demenz:
Servicezentrum in Dortmund für Angehörige, Pflegende und Ärzte
„Demenz-Servicezentrum für die Region Dortmund“ steht da schnörkellos-schwarz auf dem noch neu glänzenden Acryl-Viereck. Grünes Balken-Logo, die Beratungszeiten, Trägersymbole – das schlichte Hinweisschild hier in diesem Erdgeschoss-Büroflur am Hohen Wall 5-7 in der Dortmunder Innenstadt, einen Steinwurf entfernt vom Theater der Westfalenmetropole, weist Betroffenen den Weg zu Dr. Elisabeth Mignolet und zu Bert Schulz.
Wachsender Bedarf an Beratung
Die Fachärztin und der Pflegeexperte sehen sich mit dem erst wenige Monate alten Hilfeangebot einem wachsenden Bedarf an Beratung zum Thema Demenz gegenüber. Ähnliche Servicezentren arbeiten in sieben weiteren Städten Nordrhein-Westfalens.
„Das Angebot an Hilfen für Menschen mit Demenz ist im Verhältnis zur sich abzeichnenden Nachfrage noch viel zu klein“, sagt Reinhard Pohlmann, Fachbereichsleiter Seniorenarbeit bei der Stadt Dortmund (Sozialamt), die sich mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), genauer: der LWL-Klinik für Psychiatrie in Dortmund-Aplerbeck, die örtliche Projektträgerschaft teilt. Das Dortmunder Demenz-Servicezentrum ist einer von acht Knotenpunkten, um die herum in Nordrhein-Westfalen in den kommenden Jahren ein möglichst dichtes Beratungsnetz geknüpft werden soll. Weitere Demenz-Servicezentren fördern das Land und die Pflegekassen in Aachen, Bielefeld, Bochum, Düsseldorf, Warendorf, Wesel/Dinslaken und in Köln mit insgesamt 2,7 Millionen Euro.
Das Modellprojekt Dortmund ist zunächst auf drei Jahre angelegt und mit insgesamt 280.000 Euro ausgestattet. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Angehörigen, die altersverwirrte Menschen in aller Regel jahrelang zuhause betreuen und pflegen. „Sie brauchen nicht nur fachliche Beratung, sondern auch emotionale Unterstützung oder einfach mal zeitliche Entlastung von der zunehmend schwerer werdenden Aufgabe“, weiß Fachärztin Mignolet. Wie Pflegeexperte Bert Schulz steht sie den Ratsuchenden allwöchentlich dienstags von 13 bis 17 und donnerstags von 9 bis 13 Uhr im Servicezentrum zur Verfügung - neben ihrer Tätigkeit als Oberärztin in der gerontopsychiatrischen LWL-Klinik-Abteilung.
Impulse geben
Das Konzept des Zentrums, das im November 2004 eröffnet wurde, baut auf mehreren Modulen auf: Es will unter anderem Servicestelle für Betroffene und deren Verwandte sein, Wissenstransfer für Ärzte und Pflegekräfte leisten, Impulse für neue Wege in der Versorgung von Demenzkranken geben sowie vor allem die Demenzproblematik durch Öffentlichkeitsarbeit enttabuisieren und die Betroffenen davon befreien, dass ihre Erkrankung als unabänderlicher Schicksalsschlag abgetan wird. Weitere erklärte Ziele sind, Wissen über psychische Erkrankungen im Alter zu verbreiten und Medizinern Hilfen für die frühzeitige Diagnose und Therapie anzubieten.
Für Petra Dlugosch, Chefärztin der Gerontopsychiatrie in der Westfälischen Klinik des LWL in Dortmund-Aplerbeck, ist es wichtig, dass zum Team des Servicezentrums auch eine Fachärztin gehört. Die Kollegin Mignolet bringe im Demenz-Zentrum nicht nur fachärztliche Kompetenz und Erfahrungen aus der Alterspsychiatrie in die Arbeit ein. „Sie ist zugleich die Türöffnerin zu Kammern und Verbänden“, sagt Dlugosch. Es gelte, Vertrauen gerade auch in der Ärzteschaft für die neue Serviceeinrichtung zu wecken, um nicht zuletzt Hausärzte und Nervenärzte zunehmend für das Thema Demenz zu interessieren und ihnen Bausteine zur Weiterbildung anzubieten.
Für Angehörige stellt die Servicestelle vor allem Beratung und Unterstützung im Umgang mit Demenzpatienten in den Vordergrund. Berater Bert Schulz, gelernter Krankenpfleger und Diplom-Pädagoge mit fast 20 Jahren Berufserfahrung, registrierte bereits nach kurzer Anlaufzeit eine wachsende Zahl von Beratungsgesprächen: „In 95 Prozent der Fälle sind es Angehörige.“ Es gehe um die Themen Pflegeversicherung, Verhaltensauffälligkeiten von Patienten oder Krankheitsverlauf: „Viele wollen aber einfach auch nur reden, suchen seelischen Halt oder Motivation“, so Schulz.
Regionales Netz
Schulz ist zugleich damit beschäftigt, Angehörigengruppen in Dortmund aufzubauen. Weiteres Ziel ist es, zusätzlich auch parallele Betreuungsgruppen einzurichten. Dort werden Demenzpatienten unter fachkundiger Obhut sein, damit ihre Angehörigen sorgenfrei an den Gesprächsgruppen teilnehmen können.
Die Kapazitäten des Demenz-Servicezentrums sind personell und finanziell begrenzt. Sie müssen sich auf das Stadtgebiet und die Region um Dortmund beschränken. Dennoch sollen möglichst viele, die mit dem Thema Demenz umgehen müssen, in das regionale Netz einbezogen werden. Dazu erarbeitet das Demenz-Servicezentrum in Dortmund zusätzlich einen eigenen Internetauftritt: „Eine Plattform für alle Akteure, aber auch eine Bestandsaufnahme und Präsentation von Angeboten und Informationen zum Thema,“ skizziert Reinhard Pohlmann das auf Information und Daten-Wachstum ausgelegte Internetportal. Dort sollen später aktuelle Informationen zum Thema Demenz ebenso abrufbar sein wie Hilfe- oder Fortbildungsangebote.
Die Diagnose Demenz soll nicht länger schockieren und ausgrenzen. Dafür leistet das Dortmunder Servicezentrum zusammen mit den anderen Einrichtungen im Land Pionierarbeit.
Demenz-Servicezentrum
Das Vorbild stammt aus Schottland. Dort erkannten Fachleute vor Jahren den Bedarf an spezialisierten Serviceeinrichtungen für pflegende Angehörige von Menschen mit Altersverwirrtheit, aber auch für Pflegekräfte und Mediziner im professionellen Umgang mit Demenzerkrankungen.
Die Diagnose Demenz ist für die meisten Angehörigen von Erkrankten zunächst ein Schock. Die Altersverwirrtheit, die nach Schätzungen des Vierten Seniorenberichts der Bundesregierung zwischen fünf und sieben Prozent der über 65-Jährigen trifft, ist nach wie vor ein Tabuthema und wird fälschlich oft als unheilbare Geisteskrankheit abgetan. Scham hindert Angehörige am offenen Umgang mit dem Thema und an der offensiven Suche nach Rat und kompetenter Hilfe.
Das wurde Ende der 90er Jahre auch von der Bundesregierung erkannt. Sie regelte, dass Demenzkranke zusätzlich zu den Mitteln aus der Pflegeversicherung weitere 460 Euro pro Jahr in Anspruch nehmen können. Daneben griff sie aber auch auf weltweit gesicherte Erfahrungen mit so genannten niedrigschwelligen Angeboten für diejenigen zurück, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Demenzerkrankungen umgehen – für Angehörige, Pfleger und Mediziner. 20 Millionen Euro stehen den Bundesländern dafür insgesamt zu Verfügung.